Folge den Wolken nach Nord-Nordwest, Band 1 (Carlsen) | Comicleser

Folge den Wolken nach Nord-Nordwest, Band 1 (Carlsen)

August 15, 2019

Mitten in Island, mitten im Nirgendwo: Kei Miyama, ein 17-jähriger Japaner, den es aus familiären Gründen in den hohen Norden Europas verschlagen hat, ist im Pech. Er kam von der Straße ab, sein Auto liegt auf der Seite. Kei muss bis zum nächsten Morgen warten und die Nacht im Wagen verbringen, ehe Hilfe kommt und er seinen Auftrag ausführen kann. Denn der junge aufgeweckte Mann versucht sich als Privatdetektiv. Um über die Runden zu kommen, nimmt er jeden Auftrag an, sei er noch so klein und banal: Er soll einen Hund zurückbringen, einen verloren gegangenen Flachmann wieder finden, oder einen Unbekannten für eine Schauspielerin ausfindig machen. Der ältere, attraktive Herr, um den es geht, entpuppt sich als Keis Großvater Jacques, bei dem er lebt. Dann geschieht etwas unvorhergesehenes: Mit einem Mal bricht der Kontakt zu Keis Bruder Michitaka, der in Japan bei einem Onkel und einer Tante lebt, ab. Keiner der drei ist noch erreichbar. Also müssen Kei und sein Großvater nach Japan reisen, um vor Ort nach dem Rechten zu sehen. Dort erleben sie eine böse Überraschung…

Bis auf den unangenehmen Ausflug nach Japan spielt die Story in Island. Die Insel wurde von der Autorin und Zeichnerin Aki Irie auch selbst bereist, was offenbar großen Eindruck bei ihr hinterließ. Dabei beginnt der Band holprig, ja belanglos. Episoden artig werden die banalen Fälle Keis geschildert. Die Geschichte plätschert so dahin und nimmt erst Fahrt und damit auch Spannung auf, als Kei mit seinem Großvater Jacques in Japan von einer Familientragödie erfährt, in deren Zug Keis jüngerer Bruder Michitaka offenbar untergetaucht ist. Später reist der vermisste Michitaka selbst nach Island und als er Kei unter ungünstigen Umständen wieder sieht, wird klar, dass er in ernsthaften Schwierigkeiten steckt und offenbar nicht die volle Wahrheit sagt, was den Tod des Onkels und der Tante betrifft. Sogar ein japanischer Ermittler macht sich privat nach Island auf, um Michitaka zu fassen und arbeitet dabei mit rüden Methoden, was Kei am eigenen Leib schmerzlich erfahren muss.

Die anfängliche Unausgewogenheit und Unklarheit im Handlungsverlauf wird weitgehend wettgemacht durch starke und interessante Charaktere. Kei ist selbstbewusst, clever und jugendlich unbeschwert. Sein Großvater Jacques gibt sich mondän als Lebemann und ältlicher Womanizer, dessen Charme die Schauspielerin Kafla im Nu erliegt. Dann ist da noch Lilja, eine junge Musikerin und die Tochter von Kaflas Schwester, die, ehe sie namentlich in die Story eingeführt wird, zwei feengleiche Auftritte hat. Lilja spielt das potenzielle Love Interest für Kei, mach sich aber durch ihre unkonventionelle Eigenarten nicht unbedingt beliebt bei ihm. Vorerst. Nicht vergessen dürfen wir Keis kuriose Fähigkeit, mit Autos sprechen zu können. Oder bildet er sich das nur ein? Mit ihren isländischen kargen, aber faszinierenden Landschaften und einem eleganten Manga-Strich, der viel Realismus vermittelt, verbreitet Akie Irie eine angenehme Atmosphäre, nur unterbrochen von der Japanreise Keis. Wie es mit ihm weitergeht und ob sein Bruder etwas auf dem Kerbholz hat, erfahren wir im Januar 2020, wenn Band 2 erscheint. (bw)

Folge den Wolken nach Nord-Nordwest, Band 1
Text & Bilder: Aki Irie
248 Seiten in Farbe, Softcover
Carlsen Verlag
12 Euro

ISBN: 978-3-551-77835-2

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