Das Fleisch der Vielen (Splitter) | Comicleser

Das Fleisch der Vielen (Splitter)

Januar 16, 2019

Leipzig. Auf dem Willy-Brandt-Platz gerät eine Demo außer Kontrolle. Auf der einen Seite stehen Neonazis, auf der anderen die Antifa. Schließlich eskaliert die Gewalt, Straßenschlachten entbrennen, Chaos herrscht. Inmitten des Durcheinanders fliehen Tim und Jana in das verlassene Grand Hotel Astoria. Tim ist mittellos und gehört der Hausbesetzer-Szene an, seine Freundin Jana hat eine kleine Wohnung. Und eine kleine Arbeit. Wie beide in dem seit Jahrzehnten leerstehenden, riesigen Hotel – immerhin 350 Zimmer – gelandet sind, wissen sie selbst nicht so genau. Fest jedoch steht, dass sie nicht ohne weiteres wieder einen Weg nach draußen finden. Die Fenster sind verbarrikadiert und fest verschraubt, Düsternis herrscht im ganzen Gebäude. Die Suche nach einem Ausgang geht eher nach hinten los –sprichwörtlich – denn die beiden steigen immer weiter in das inzwischen alte Gemäuer ein und stoßen bald auf Merkwürdigkeiten. Wieder und wieder sehen sie einen seltsamen, deformierten menschlichen Schatten und die Böden des Gebäudes scheinen mit Haaren übersät. Immer bedrohlicher und unübersichtlicher wird ihre Situation, je tiefer sie in das Hotel eindringen. Bis sie auf den blanken Horror treffen…

Dunkle, finstere und einsame Gemäuer sind wie geschaffen für das Horrorgenre, bei dem v.a. im Film das Spukhaus eine lange Tradition aufweist und seit der Stummfilmzeit immer wieder für Nervenkitzel sorgt. Empfehlenswerte wie bekannte Klassiker sind Paul Lenis „The Cat and the Canary“, „The Old Dark House“, später „The Haunting“ (gerade als Netflix Serie neu inszeniert) und natürlich „The Shining“ mit dem berühmten Overlook Hotel. Das Spukhaus dient als Kulisse für menschliche Dramen, aktuell oder längst vergangen und spielt dabei unterschiedlich wichtige Rollen. Hier in der Comic-Adaption von Kai Meyers Erzählung nimmt es die uneingeschränkte Hauptrolle ein. Ist der unheimliche, bedrohliche, aber auch abstrakte Gegner von Tim und Jana (wir wollen nicht zu viel verraten). Als „greifbares“ Monster kann allenfalls die deformierte menschliche Gestalt herhalten, ansonsten findet der „haarige“ Schrecken im Kopf und damit in der Fantasie des Lesers, bzw. Betrachters statt. Und dann funktioniert Horror auch am besten. Ganz subtil macht sich das Unheimliche, das Böse, auf den Seiten breit, ehe es unvermittelt zuschlägt.

Nach dem „Wolkenvolk“ und „Frostfeuer“ ist „Das Fleisch der Vielen“ die nächste Adaption einer Kai Meyer Geschichte im Splitter Verlag (es wird nicht die letzte bleiben). Diesmal als Einzelband. Die Story beginnt überfallartig und endet ebenso abrupt. Dazwischen kommt der Horror subtil, bis er frontal über Tim und Jana hereinbricht. Die Zeichnungen von Comic-Neuling Jurek Malottke sind natürlich düster und in dunklen Farbtönen gehalten. Die Bilder bleiben auch abstrakt, deutbar, wirken weniger über Details, sondern vielmehr über Stimmung und Atmosphäre. Eine abwechslungsreiche Panelstruktur mit überraschenden Perspektiven vertieft die ständige Bedrohungslage und macht den Band zu einer gelungenen Horror-Mär, die so unvermittelt aufhört, wie sie beginnt. Happy End inklusive? No way. Nach der Comic-Fassung ist die komplette Geschichte abgedruckt, was einen direkten wie interessanten Vergleich zwischen Vorlage und Adaption ermöglicht. Diverse Skizzen und Entwürfe runden den Band ab. Das Hotel Astoria in Leipzig wurde übrigens 1915 eröffnet und Ende 1996 geschlossen. Seitdem steht es leer. Eine Sanierung, bzw. Renovierung soll Mitte dieses Jahres endlich beginnen. Hoffentlich bekommen die Handwerker diesen Band vorher nicht zu lesen… (bw)

Das Fleisch der Vielen
Text: Kai Meyer, nach seiner Erzählung
Bilder: Jurek Malottke
96 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
19,80 Euro

ISBN: 978-3-96219-214-3

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