Donghuachun Friseursalon (Chinabooks) | Comicleser

Donghuachun Friseursalon (Chinabooks)

Januar 14, 2019

Dien Xiao-Hua geht in Taiwan einem grundehrlichen Beruf nach: er betreibt den Dong Hua Chun Friseursalon, in dem sich vor allem ältere Semester treffen, um zu tratschen, ein wenig Entertainment zu haben und sich ganz nebenbei einen neuen Schnitt verpassen zu lassen. Auch anderweitig hat Dien durchaus eine soziale Ader: als Aushilfe beschäftigt er A-Dun, der nach einer Gefängnisstrafe wegen Totschlags versucht, wieder auf die Füße zu kommen. Wie die sprichwörtliche Bombe platzt da ein Umschlag, der Dien eines Tages per Kurier ins Haus flattert: nichts weniger als ein letzter Abschiedsgruß seines Vaters ist es, der die Familie verließ, als Dien gerade mal 10 Jahre alt war. Offenbar in Gewissensnöten, hat der Herr Vater verfügt, dass nach seinem Tod ein paar Habseligkeiten und ein Brief an seinen Sohn geschickt werden.

Darin beschreibt der Vater, warum er es aus Feigheit nie übers Herz brachte, seine ehemalige Familie zu besuchen, auch wenn er die Zugtickets schon längst gelöst hatte. Als ob das nicht schon genug zu verdauen wäre, steht urplötzlich eine junge Dame vor der Tür: niemand anders als seine Halbschwester Yulan ist es, die der verstorbene Vater auf die Reise zu seinen Wurzeln geschickt hat. Nach einigen Verwerfungen, wegen derer Yulan sich erst einmal wieder aus dem Staube macht, rüttelt sich das ungleiche Geschwisterpaar einigermaßen zusammen – aber dann holt A-Dun die Vergangenheit ein: in der Nachbarschaft kam es zu einem Mord, und der Vorbestrafte ist für Wachtmeister Teng natürlich der Generalverdächtige Nummer 1. Bei den Ermittlungen eröffnen sich allerdings Abgründe, gegen die die Vergangenheit des Friseursalons geradezu harmlos scheint…

Mit seinem Manhua (so die Fachbezeichnung für chinesische Comics) über den Coiffeur um die Ecke eröffnet Ruan Guangmin ein breites soziales Panorama, in dem der Salon als Mikrokosmos der Gesellschaft fungiert, in der sich Trauer, Zorn, Verbrechen, Suche nach Identität und der eigenen Person, verkörpert in den drei Protagonisten, täglich aufs Neue ereignen: „Was versteht ein zehnjähriges Kind schon von Hass, ich war nur voller nagender Fragen und Zweifel“, so sinniert etwa Dien über sein Schicksal, alleine mit seiner Mutter den Friseursalon zu betreiben, der doch eigentlich Heimat für die Familie sein sollte. A-Dun dagegen bewältigt traumatische Erlebnisse seiner Kindheit, in die der Wachtmeister Teng enger verstrickt ist als es anfangs scheint, auf seine ganz eigene Art: „Kann ein Mensch, der einen anderen Menschen getötet hat, wieder ein guter Mensch werden?“

Auch wenn Guangmin die Erzählfäden nicht immer straff führt und die Storylines der Halbgeschwister und des Straftäters erst am Ende folgerichtig zusammenlaufen, als man die deutlichen Parallelen beider Schicksale erkennt, entsteht dennoch ein einfühlsames Bild zwischenmenschlicher Beziehungen, Verletzungen und Versuchen der Heilung, das sich sehr angenehm gegen die ja oft knallig-stilisierten Fantasy-Mangas abhebt. Schön dabei auch der Kunstgriff, die Erzählung in fünf „Schnitte“ zu unterteilen und als Meta-Ebene jeweils kurze Einschübe unter dem Leitmotiv „Dong Jua Chuns Theaterbühne“ kommentierend neben das Geschehen zu stellen. Bei Chinabooks erscheint das Werk sorgfältig eingerichtet zweisprachig Deutsch-Chinesisch, sprachlich Versierte können dabei unter www.manhua.ch Vokabellisten chinesischer Wörter mit deutscher Übersetzung für den originalsprachlichen Teil nachlesen und auch weitere Infos über Ruan Guangmin erhalten. (hb)

Donghuachun Friseursalon
Text & Bilder: Ruan Guangmin
430 Seiten in Schwarz-Weiß (mit Farbseiten), Softcover
Chinabooks
24,90 Euro

ISBN: 978-3-905816-92-1

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