Die Leichtigkeit (Carlsen) | Comicleser

Die Leichtigkeit (Carlsen)

Januar 26, 2017

Paris, 7. Januar 2015. Die Zeichnerin Catherine hat Liebeskummer: Ihr Freund hat ihr klargemacht, dass er seine Frau definitiv nicht für sie verlassen wird. Das raubt Catherine den Schlaf, sie kommt zu spät aus den Federn und verpasst den Bus. Damit kommt sie auch nicht rechtzeitig zur Redaktionssitzung des Satire-Blattes, für das sie arbeitet: Charlie Hebdo. Als sie sich dem Gebäude nähert, hält man sie auf, es gebe eine Geiselnahme, Schüsse fallen, die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

Vollkommen betäubt machen sich die Überlebenden bald danach wieder an die Arbeit, man bringt aus Trotz eine neue Ausgabe heraus – aber nach der abschließenden Sitzung fällt Catherine in eine tiefe Krise. Sie verliert den Realitätsbezug, Alptraum und Wirklichkeit verschwimmen. Ihr Psychiater erklärt ihr, ihr Gehirn ziehe sich auf einen typischen Schutzmechanismus zurück: in einer Dissoziation verhindert ihr Geist, dass sie sich mit den Geschehnissen auseinandersetzt. Um zu sich selbst zurückzufinden, unternimmt Catherine eine Reise durch Kunst und Kultur, ihre Freunde verfrachten sie ans Meer nach Carbourg, zur Wirkungsstätte ihres Lieblingsautors Marcel Proust, sie durchstreift die Galerien des Louvre und fährt sogar zur Villa Medici – ganz nach dem Prinzip Stendhals, sich von Schönheit überwältigen zu lassen, immer auf der Suche nach der Leichtigkeit, der Freundschaft und der Schönheit, die ihr das Attentat für immer geraubt zu haben scheint…

Die Charlie Hebdo-Mitarbeiterin Catherine Meurisse entkam durch schieren Zufall dem Überfall, den ein Terrorkommando 2015 auf die Redaktion des Blattes verübte. In dieser autobiographischen Graphic Novel arbeitet sie das Trauma auf, das die Bluttat in ihr hinterließ: die Schuldgefühle, die Frage nach dem Warum, das Urvertrauen und die Sehnsucht nach der Unbeschwertheit, die bis vor den Ereignissen des Januar so selbstverständlich schien. In assoziativen, stilisierten Bildabfolgen erzählt Meurisse in reduziertem, fast cartoonhaftem Stil ihren Versuch, über die von ihr so geliebten Kunstobjekte die emotionale Stabilität wiederzuerlangen, die sie verloren hat. Dabei findet sie eine deutliche Sprache, die den Fokus zu Recht weg von den Tätern hin auf die Opfer legt: die Motive seien ihr eigentlich gleichgültig, solange auch die Mörder selbst zu Tode gekommen seien; und sie wundert sich, warum man von „Überfall“ oder „Attentat“ spricht, wo es sich doch um ein grausames Massaker gehandelt habe.

Gemeinsam mit dem Kollegen Philippe Lancon, der den Anschlag schwer verletzt überlebte und auch das Vorwort liefert, versucht Catherine dennoch den Weg zurück ins Leben zu finden – eine Geschichte, die tief anrührend die Verwundungen spürbar macht, die Gewaltakte, die allabendlich über die Fernsehbildschirme flimmern, bei den Betroffenen und Überlebenden gleichermaßen auslösen. Umso mehr beeindruckt die hoffnungsvolle, positive Note, auf die das Werk endet: am Strand sitzend schwört sich Meurisse, jedes kleine Zeichen von Schönheit zu beachten, was sie letztendlich rettet. Mit „Die Leichtigkeit“ (im Original passend „La Légérété“, erschienen bei Dargaud) legt Catherine Meurisse, die nach der Attacke auf Charlie Hebdo das Magazin verließ, um eine Comic-Karriere einzuschlagen, ihre erste Graphic Novel vor, die bei Carlsen schön eingerichtet im hochwertigen Hardcover-Format erscheint. (hb)

Die Leichtigkeit
Text & Bilder: Catherine Meurisse
144 Seiten in Farbe, Hardcover
Carlsen Verlag
19,99 Euro

ISBN: 978-3-551-73424-2

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