Sonnenstein, Band 2 (Panini) | Comicleser

Sonnenstein, Band 2 (Panini)

September 18, 2016

Sonnenstein, Band 2 (Panini)

Eigentlich hat sich bei Ally und Lisa nicht viel geändert, sie führen nach wie vor ihre moderne, langweilige, bürgerliche Beziehung: man lernt sich online kennen, stellt gemeinsame Interessen fest, Frauen dürfen ja Frauen mittlerweile lieben, alles Standard also. Wenn da halt nur diese Sache mit dem Fesseln, Knebeln und Verdreschen nicht wäre. Das ist nach wie vor nicht ganz handelsüblich, und daran hat die Sub Lisa nach wie vor ein wenig zu knabbern, während ihre Dom Ally über der Gesellschaft und ihren Vorurteilen zu stehen scheint. Sogar der zugeneigte Freundeskreis erweitert sich: im Bondage-Club Crimson lernen die beiden das Ehepaar Tom und Cassie kennen, die über Allys Kumpel Alan auf die Bondage-Schiene gekommen sind und diese in vollen Zügen genießen. Aus allerlei Anspielungen schließt Lisa, das Alan deutlich mehr als nur Allys Kumpel und Architekt für ihre gewagten Bett- und sonstigen Konstruktionen ist: auf dem College traf Ally in Alan nämlich den ersten Gleichgesinnten, der ihre Vorlieben teilte und auch mit ihr auslebte.

Aus den anfänglich heißen Spiele-Sessions auf dem zweckentfremdeten Dachboden der Uni wurden dabei allerdings schnell offene Konkurrenzkämpfe – bis man der Feststellung nicht mehr entrinnen konnte, dass zwei Doms nicht zusammen harmonieren, weil sie sich eben immer dominieren wollen und das auf Dauer nicht gutgeht. Dennoch haben es Ally und Alan offenkundig geschafft, eine langdauernde Freundschaft aufzubauen, aber noch lange sind nicht alle Geheimnisse der Vergangenheit aufgeklärt. Denn als man Ally zu einem erneuten Besuch des Crimson breitschlägt (sorry, der musste sein), zeigt die sich sichtlich nervös und aggressiv. Eine kleine Soirée mit dem Betreiber des Etablissements Harper, der auch als Bühnenact auftritt, führt dann zum Eklat: Ally betrinkt sich ordentlich, und als die Sprache wiederholt auf Alans frühere Freundin namens Marion kommt, flieht Ally auf die Toilette und eröffnet der nicht nachgebenden Lisa dann die finstere Wahrheit, in der sich zeigt, dass sich hinter der abgeklärt-überlegenen Fassade der Dom eine schuldgeplagte Frau versteckt…

Der kroatische Künstler Stjepan Sejic (The Darkness, Witchblade, First Born) verlagert in Teil Zwei seiner in jeder Hinsicht großformatigen BDSM-Saga die Sicht weg von den – weiterhin absolut spektakulären! – Szenen rund um Korsagen, Fesseln und Knebeln (wobei die es nach wie vor in sich haben, meine Herrschaften) hin auf das emotionale Innenleben seiner beiden Hauptfiguren. Konnten wir in Band 1 noch die langsame Reise von Lisa weg von Konventionen hin zu Leidenschaft und auch zarter Liebe erleben, so eröffnet uns dieser Teil einen entlarvenden Blick hinter die emotionale Kulisse: das BDSM-Spiel funktioniert stets als Teil einer größeren Illusion, ist nichts weiteres als eine Maske, die – sobald abgerissen – die gar nicht mehr so überlegene wahre Persönlichkeit offenbart.

Dabei geht es in keinster Weise spekulativ-voyeuristisch zu, vielmehr beweist Sejic erneut Geschmack und auch Humor, seine Pin-Up-beeinflussten großen Panels sind ein Augenschmaus, bieten feinsinnige Erotik statt kalkulierten Porno und zeichnen sich dadurch aus, dass nicht etwa hobbypsychologische Erklärungsansätze für die speziellen Neigungen der Figuren gesucht werden: Ally macht BDSM, nicht weil sie einen Schaden hat, sondern weil es ihr Spaß macht – ganz einfach, so die Message. Gleichzeitig zeichnet sich Sonnenstein erneut durch eine gehörige Portion Selbstironie aus, so etwa als Lisa wiederholt den Leser anspricht und sich so die Deadpool-Domäne des Einreißens der vierten Wand zu eigen macht. Auch eine feine Pin-Up-Galerie dürfen wir wieder als Bonus-Teil des übergroßen Hardcover-Bandes aus der Panini Alben-Reihe bestaunen. Auch wenn der erzählerische Schmiss etwas nachgelassen hat und wir einiges an Dialogen zu meistern haben, sagen wir: darauf doch einen ordentlichen Klaps auf den Allerwertesten! (hb)

Sonnenstein, Band 2
Text & Bilder: Stjepan Sejic
132 Seiten in Farbe, Hardcover
Panini Comics
24,99 Euro

ISBN: 978-3-95798-702-0

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