Geschichten aus dem Grandhotel (Wißner) | Comicleser

Geschichten aus dem Grandhotel (Wißner)

April 10, 2016

Geschichten aus dem Grandhotel (Wißner)

Tragische Episoden um Superreiche in mondäner Atmosphäre in den Goldenen Zwanzigern? Edel gepolsterte Fauteuils, Pagen, die monströse Hutschachteln schleppen, riesige Kronleuchter? Nicht ganz. Das Grandhotel Cosmopolis, von dem hier die Rede ist, ist so ganz anders und liegt in Augsburg. Es ist ein Hotel, richtig. Aber es ist zusätzlich eine Begegnungsstätte mit einem Café, ein Veranstaltungsort. Und eine Asylunterkunft für Flüchtlinge. All dies vereint unter einem Dach. Ein ungewöhnliches Konzept, das in dem ehemaligen Altersheim unter Mithilfe von vielen Ehrenamtlichen und Freiwilligen durchgesetzt und realisiert wurde und das Zentrum dieses Albums ist, welches unter dem Thema ‚Flucht und Asyl‘ von Augsburger Design-Studenten in Form von Comic-Reportagen gestaltet ist.

Dabei beschränken sich die Geschichten nicht auf nur auf die bewegenden Schicksale der Flüchtlinge. So begleiten wir eingangs zwei Studenten, die mit einem mulmigen Gefühl das Café des Grandhotels betreten, weil sie doch verwertbare Geschichten aus erster Hand für ihre Reportage benötigen. Eine unbegründete Sorge, wie sich schnell herausstellt, als der Barkeeper bereitwillig erzählt, wie er als Kind seine Heimat verlassen musste, weil er an einer Demonstration teilgenommen hatte. Wir erfahren mehr über das Werden des Konzepts des Grandhotels, über die Ängste der Anwohner und die „langhaarigen Bombenleger“, die daran beteiligt waren und sind. Und natürlich über die Flüchtlinge selbst, aus erster Hand. Wie es sie sogar nach Thailand verschlug, wie sie über Nacht von einem Moment auf den anderen ihre Heimat verlassen mussten. Im Kosovo. In Afghanistan. Auch Hintergrundinformationen, beispielsweise über die Entstehung des Syrien-Konflikts werden in Comic-Form geliefert.

So geben die für sich stehenden Episoden und Einzelschicksale den Flüchtlingen ein Gesicht. Und umgekehrt. Schicksale von Betroffenen, direkte Informationen von Menschen, die zum Teil eine Jahre lange, gefährliche und teure Odyssee hinter sich haben, bis sie hier die Chance bekommen, heimisch zu werden und sich eine neue Existenz aufbauen können. Die Episoden sind meist lose miteinander verbunden, sodass sich ein durchgängiger Faden durch das Album zieht. Für die Verbindungs-Seiten sorgt Professor Mike Loos, der Leiter des Projekts. Die Geschichten und Zeichnungen stammen von Studenten an der Fakultät für Gestaltung der Hochschule Augsburg, die dort die Projektklasse Comicwerkstatt bilden. Mitunter sind die verschiedensten Zeichenstile erstaunlich ausgereift, dabei stets extrem abwechslungsreich, wobei sich verschiedene Herangehensweisen an Bild und Handlung bestens herauslesen lassen. Von realistisch bis stilisiert. Von kantig eckig bis rund. Von bunt bis schwarz-weiß. Ein schönes und interessantes Projekt. Sowohl das Grandhotel als auch das Album darüber. Und noch schöner, dass alle Reportagen in einem Band zusammengefasst sind, der zwar regionalen Bezug hat, aber überall erhältlich ist. (bw)

Geschichten aus dem Grandhotel
Text & Bilder: Miriam Wöllner, Marte Negele, Paul Rietzl, Wolfgang Speer, Dennis Ego, Julian Wienand, Hannah Hageraats, Samuel Boeck, Mike Loos
96 Seiten in Farbe, Softcover
Wißner-Verlag
12,80 Euro

ISBN: 978-3-95786-000-2

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