Sex Criminals, Band 1 (Panini) | Comicleser

Sex Criminals, Band 1 (Panini)

Juli 31, 2015

Sex Criminals, Band 1 (Panini)

Wenn eine Erfolgsformel funktioniert, dann Sex and Crime. Das sind dann üblicherweise Stories über Gangsterpärchen, die auch privat ein wenig was für sich übrig haben (Archetyp Bonnie und Clyde), oder einfach nur Mischungen aus Räubereien und Betteskapaden, oder auch nur ganz wüste andere Mixturen. So etwas richtig neues in dieser Arena zu erfinden, das ist durchaus beachtlich, aber genau das gelingt Matt Fraction – der schon mit seiner vielgerühmten Hawkeye-Serie Neuland für den Avenger eröffnete – hier: denn es geht nicht um Sex and Crime, sondern Crime während Sex. Wie das geht? So: als die heranwachsende Suzie, traumatisiert und isoliert durch die Ermordung ihres Vaters, zum ersten Mal auf Entdeckungsreise am eigenen Körper geht, steht für sie die Zeit still. Wörtlich. Wie durch ein Wachsfigurenkabinett wandelt sie durch zur Salzsäure erstarrte Mitmenschen, streichelt im Zoo Löwen, beobachtet die wieder mal die Trauer im Alkohol ersäufende Mutter beim Schlaf. Mit einer langen Reihe von Liebhabern probiert sie es aus, der Zustand in der Zwischenwelt stellt sich immer ein, und immer bleibt sie allein in der grenzenlosen Freiheit.

Bis sie Jon trifft, der sie zuerst durch Klugheit, Witz und Kenntnis von Vladimir Nabokovs ‚Lolita‘ überzeugt – und dann plötzlich ebenfalls in dem Raum ist, den Suzie als Stille, er etwas bodenständiger als Cumworld bezeichnet (frei nach seinem favorisierten Porno-Laden) und der wissenschaftlich „Refraktärphase“ genannt wird – der komplette Stillstand, in dem sie tun und lassen können, was sie wollen, ohne Konsequenzen und vor allem Strafe. Scheinbar. Denn relativ schnell fassen sie einen verhängnisvollen Beschluss: sie wollen die Bank, die die Bibliothek zwangsräumen lassen möchte, in der Suzie arbeitet, um genau den Betrag erleichtern, der nötig ist, um die Schulden zu zahlen und das Gebäude zu erhalten. Kein Schaden, für die Bank ist es die Portokasse, großer Nutzen. So die Überlegung. Die beiden üben fleißig, machen sich im Freien und im Auto übereinander her und führen kurze Raubzüge erfolgreich durch. Bis es dann beim großen Fisch zur Überraschung kommt: keinesfalls sind sie mit ihrer Gabe so alleine, wie sie denken – die selbst ernannte Sexpolizei, die ihrerseits den stillen Raum betreten kann, schnappt sie und nimmt sie in die Mangel…

Matt Fraction und Zeichner Chip Zdarsky gelingt mit Sex Criminals ein kleines Meisterwerk, das absolut zu Recht von Time als „Comic des Jahres“ ausgezeichnet wurde. Geht schon die Grundidee weit über Genreklischees hinaus in wirklich innovative Bereiche – Sex ist das Mittel zum Verbrechen, aber isoliert bei allem Vergnügen sozial, führt zur erotischen Fixierung und wird sogar im Orwellschen Stile selbst zum Crime -, bricht auch die erzählerische Umsetzung absichtlich Konventionen: der Leser wird durch Zeitebenen katapultiert, die ältere Suzie kommentiert das Handeln auch ihres jüngeren Alter Egos, und das Medium der Graphic Novel selbst wird in direkter Leseransprache gebrochen und thematisiert („wir sind hier ja in einem Comic“). Selbst rechtliche Beschwernisse wandelt Fraction geschickt um – für eine zentrale Sequenz, in der Suzie „Fat Bottomed Girls“ von Queen singt (und in der sich Jon endgültig in Suzie verliebt), wurden wohl die Rechte zum Abdruck den Songtextes verweigert, weshalb anstelle der Song-Lyrics nun gelbe Post Its stehen, auf denen Fraction über die Rechteproblematik sinniert und feststellt, wie gut der eigentliche Text doch hier gepasst hätte.

Auch die zeichnerische Gestaltung von Herrn Zdarsky setzt diese Komplexität kongenial um: stehen die „Realszenen“ im gewohnten Comic-Duktus, erscheinen die Momente der Erstarrung der Außenwelt durchzogen von fast psychedelischen Farbschleiern, die das Unwirkliche und Traumhafte des Erlebens sinnhaft ins Bild setzen. Viele Szenen funktionieren gänzlich ohne Dialog, in Flashbacks sehen wir die junge neben der heutigen Suzie platziert, und Jons bestes Stück pflegt in der Stille jeweils fein zu leuchten. Jenseits von allem Spektakel oder Voyeurismus sind die Sex-Szenen selbst gehalten, was nochmals verdeutlicht, dass es hier keineswegs um eine Provokation im Stile von Howard Chaykins ‚Black Kiss‘ oder gar verbrämten Porno geht, sondern um eine hochintelligente Reflektion über das buchstäbliche Sich-Verlieren im Rausch der Sinne – und um das Medium Comic selbst. Der vorliegende Band enthält die US-Ausgaben Sex Criminals 1-5 von 2013, die den Eisner-Award als Beste Neue Serie einheimsen konnten. (hb)

Sex Criminals – Guter Sex zahlt sich aus, Band 1: Komm, Welt
Text: Matt Fraction
Bilder: Chip Zdarsky
140 Seiten in Farbe, Softcover
Panini Comics
16,99 Euro

ISBN: 978-3-95798-292-6

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