Freaks‘ Squeele, Band 1 (Splitter) | Comicleser

Freaks‘ Squeele, Band 1 (Splitter)

Juli 22, 2015

Freaks' Squeele, Band 1 (splitter)

Märchen haben ja üblicherweise die Eigenschaft, durchaus boshaften Inhalts zu sein. Zur moralischen Erbauung gehen sie zwar regelmäßig gut aus, dabei geht es aber ebenso zur moralischen Maßregelung ruppig zu, mit bösen Stiefmüttern, im Wald ausgesetzten Kindern, verbrannten Hexen und aufgeschlitzten Wildtieren. Ein Märchen der ganz dunklen Art legt uns hier Florent Maudoux vor, und zwar über eine illustre Figur mit dem klangvollen Namen Pretorius Totenfeier, die angabegemäß mit der Unterwelt in regem Kontakt steht, den Tod vorausahnt, Könige stürzt und Zivilisationen dem Untergang anheimstellt. Dieser vielseitige Zeitgenosse wandelt nicht umsonst über die Erde – denn es war einmal, wie die Geschichte klassischerweise beginnt, in der Reichshauptstadt Rem ein tapferer Bronzeritter niederen Ranges namens Spartakus, der Luciana, die Prinzessin und Priesterin aus dem edlen Hause der Spinne, begehrte. Durch Tapferkeit, Edelmut und unablässiges Siegen errang er über alle Standesgrenzen ihre Gunst, sie heirateten, hatten eine Kinderschar und regierten glücklich und weise bis ans Ende ihrer Tage.

Von wegen! Bis zum Heiraten reicht es noch für den Ritter aus dem Stande der Fledermaus und die Spinnenpriesterin, aber schon dabei hat Psamathea aus dem Haus der Gottesanbeterin ihre schmutzigen Finger im Spiel, die alles von langer Hand arrangiert. Neben dem erwünschten, perfekten Kind wird den beiden noch ein für die weiteren Pläne unbrauchbarer Zwilling geboren, den Luciana und Psamathea kurzerhand dem Chirurgen Raph in die Hände drücken, der das kleine Wesen wegschafft. Er wirft es den Schweinen vor, die es verstümmeln, und lässt es als Pretorius von der Schlange bei Prostituierten aufwachsen. Spartakus und Luciana avancieren indessen als perfektes Paar zu Medienstars, wobei Spartakus als siegreicher Feldherr und Luciana als Anwärterin auf das Amt der Hohepriesterin steil Karriere machen. Ihren Wunschsohn Scipio bereiten sie konsequent auf seine künftige Herrscherrolle vor, als die Dinge plötzlich eine andere Wendung nehmen: Pretorius, ausgestattet mit einem künstlichen Arm, beobachtet ihn beim Klavierunterricht und beginnt sich mit ihm anzufreunden. Gemeinsam erkunden sie die Unterstadt, spielen mit Zinnsoldaten Schlachten nach und entdecken mehr und mehr ihre doch gemeinsame Bestimmung, die sie zur Bluts- und Waffenbrüdern in den Fehden der mächtigen Häuser werden lässt…

Maudoux kreiert in ‚Freaks‘ Squeele‘ eine immer überraschende Mischung aus Märchen, Fantasy, Horror und bewusst anachronistischen Zeitbezügen: die Welt von Rem, dem umliegenden Reich Namor und den freien Ländern ruht auf einer mittelalterlichen Basis mit Kasten, Rittern und Magie, in der Zyklopen, die Kämpfe und Feiern übertragen können, die Rolle der Massenmedien spielen, in der Spartakus vom Orden der Fledermaus in seiner Rüstung relativ unkaschiert als Batman erscheint und in der die zwei zentralen „Pfeiler der Zivilisation“ genannten Säulen der Stadt Rem dem untergegangenen World Trade Center zum Verwechseln ähnlich sind. In einer Welt der Mutanten, Sagengestalten und wenig zimperlicher Geburtshilfe tummeln sich Bildschirme und Videokassetten mit der Aufschrift T2 – offenkundig möchte uns Maudoux in eine postapokalyptische Welt entführen, die sich an die verlorene Technologie nicht mehr erinnert.

Die Namen erwecken absichtlich den Kontext historischer Charaktere, wobei durchgängig das Motiv der ränkespielenden Herrscherfiguren im Kontrast zu den überlebenstüchtigen unterprivilegierten Schichten steht. Am Ende von Band 1 hat sich die Figur des Pretorius Totenfeier – zweifellos die künftige Inkarnation des kleinen, verunstalteten Pretorius – noch nicht herausgebildet, wir erleben diesen Charakter nur in einem Erzähler-Prolog – auf den weiteren Fortgang dürfen wir gespannt sein. Maudoux, der neben Text auch gleich die Zeichnungen besorgt hat, liefert eine kraftvolle, düstere Gestaltung im leicht stilisierten Duktus, die immer wieder durch eine Meta-Ebene in Form von Rückblenden, Bildschirm-Szenen, aus der Handlung genommenen kommentierenden Bildern sowie großflächigen Panorama-Einstellungen überzeugt. Eine im sehr positiven Sinne andere, düstere Saga irgendwo zwischen Märchen, Fantasy und Zeitreise, in der die uns bekannte Vergangenheit in eine mythische Welt irgendwo im Nebel der Zeit hineinfließt und ein grimmer Schatten über allem liegt. Spannend, aufregend, sehr europäisch-düsterromantisch. Band 2 folgt im September. (hb)

Freaks‘ Squeele, Band 1: Totenfeier, Band 1
Text & Bilder: Florent Maudoux
80 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
17,80 Euro

ISBN: 978-3-95839-084-3

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