Hier (Dumont) | Comicleser

Hier (Dumont)

May 12, 2015

Hier (Dumont)

Keine Story. Nur ein Raum. Nein, kein kompletter Raum. Zwei Wände, dazwischen eine Ecke, ein Fenster, ein offener Kamin. Daher besser: eine Perspektive. Mehr ist in der Graphic Novel von Richard McGuire nicht zu sehen. Und doch ist dieser Blickwinkel ein Fenster in Vergangenheit und Zukunft. Dies geschieht durch einen Kunstgriff: jede Doppelseite stellt nur diese Perspektive zu einem bestimmten Zeitpunkt dar, der links oben per Jahresangabe genannt wird. Und in den meisten Doppelseiten sind kleinere Panels eingefügt, die genau diesen Ausschnitt der Gesamtperspektive zu einem anderen Zeitpunkt zeigen, wieder mit Jahresangabe. Das macht es möglich, eine Frau im Jahre 1964 Klavier spielen zu lassen, während in den Einschub-Panels Kinder in den Jahren 1932, 2014 und 1993 tanzen (siehe Bild-Ausschnitt unten). Und McGuire geht noch weiter: er zeigt die Perspektive, als das Haus mit diesem Raum noch gar nicht stand (es wird erst 1907 gebaut) bzw. nicht mehr stehen wird (offenbar bis zur Flut 2111). Folglich erleben wir beispielsweise 1986 eine Unterhaltung im Raum über mögliche indianische Ausgrabungen, während 1622 Indianer durch den dortigen Wald laufen, der damals noch stand.

Und manchmal interagieren die Bilder durch die Zeiten. So wird scheinbar ein Indianerpärchen beim Liebesspiel in eben jenem Wald gestört, als Jahrhunderte später die Türklingel in unserem Raum läutet. Dazu gibt es immer wieder Seiten, die thematisch geordnet, sind wie eben die Kinder beim Tanz, Bewohner, die etwas suchen oder Menschen beim Feiern. Und immer wieder kleine Geschichten, die sich über wenige Seiten erstrecken: ein Maler im Grünen (1870 – an der Stelle wird später ein Vermeer-Plakat hängen). Der Besuch eines Sohnes (1775). Ein verletzter Großvater (2005). Dazwischen gibt es immer wieder gigantische Zeitsprünge, wird das Spiel Vergangenheit-Zukunft massiv ausgedehnt. Irgendwann befinden wir uns Milliarden und Millionen Jahre zurück. In der Zukunft kommt eine große Flut, im Jahre 2213 erklärt eine Dame mittels futuristischer Technik die Alltags-Gegenstände des 20. Jahrhunderts. Und in 20.000 Jahren schreitet eine neue Spezies durch die Perspektive.

In ‚Hier‘ werden Sehgewohnheiten gesprengt, indem man sie umkehrt und anders wieder zusammensetzt. Im Bild ist ausschließlich nur eine einzige Perspektive. Statt möglichst viel Abwechslung und innovativer Panel-Anordnung im Seitenaufbau, wie sie Comics üblicherweise erstreben, zeigt sich uns also nur ein starrer Blick, der einmal durch die unendliche Zeit und dann durch die eingefügten Panels aufgebrochen wird, die wiederum völlig unabhängig von der Zeit sind und als kleine Fenster in Vergangenheit oder Zukunft agieren. Über hunderte von Seiten. So etwas ist nur im Medium Comic möglich. Wir sehen die Vergänglichkeit und gleichzeitig die Unendlichkeit des Seins, in dem wir nur ein kleiner Augenblick sind. Leben und Zeit gehen weiter, vor und nachdem die Mauern, bzw. der Raum, der so viel erlebte, existierte.

Tanzende Kinder durch die Jahrzehnte

Tanzende Kinder durch die Jahrzehnte

Richard McGuire ist nicht nur Comic-Autor. Er ist vielmehr ein Allround-Künstler in etlichen kreativen Bereichen, wie Film, Malerei, Illustration, Literatur und Musik. Sein Comic Oevre ist klein und beschränkt sich auf ‚Hier‘. Dessen Urfassung erschien 1989 in Art Spiegelmans RAW-Magazine und hatte nur sechs Seiten Umfang. Sechs Seiten, die aufgrund des einzigartigen Konzepts nachhaltig beeindruckten. Nun hat McGuire dieses Konzept in Form einer Graphic Novel auf über 300 Seiten ausgedehnt. Ein faszinierendes Spiel mit Bildern und mit der Zeit. Auch im Buchdesign zeigt sich das wohl durchdachte Gesamtkunstwerk, bei dem alle Details genau geplant sind: das Cover bietet die einzige Draufsicht auf das Fenster, der Raum dahinter bleibt schwarz. Der Buchrücken ist die Ecke des Raums, das Backcover zeigt den gemauerten Kamin. So dehnt sich der Band in die dritte Dimension aus – sein Volumen selbst ist der Raum, aber nur während wir darin lesen, nachdem wir durch den kleinen Titel ‚Hier’ neugierig gemacht und hineingelockt wurden. Wow. (bw)

Hier
Text & Bilder: Richard McGuire
304 Seiten in Farbe, Hardcover, Buchformat
Dumont Buchverlag
24,99 Euro

ISBN: 978-3-8321-9762-9

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