Robert Moses (Carlsen) | Comicleser

Robert Moses (Carlsen)

November 25, 2014

Robert Moses (Carlsen)

Himmelsstürmende Wolkenkratzer. Imposante Brücken. Ungezählte Grünflächen. Strandbäder. New York verkörpert wie kaum eine andere Metropole die moderne Großstadt, die vor allem durch ihre kühne Architektur immer wieder die Geister – angeblich unter anderem Fritz Lang, der aber wohl ein wenig flunkerte – inspirierte und bis heute für den amerikanischen Traum steht. Kaum bekannt ist dabei, dass hinter diesen ambitionierten Projekten jahrzehntelang ein Mann mit einer Vision stand: Robert Moses übte über nahezu 50 Jahre als Städteplaner maßgeblichen Einfluss auf das Erscheinungsbild der Ansiedlung am Hudson aus. Olivier Balez und Pierre Christin (gefeiert für die SF-Saga Valerian und Veronique und für seine Zusammenarbeit mit Enki Bilal) zeichnen in dieser Graphic Novel den Weg dieses Besessenen nach, der aus behüteten Verhältnissen kommend seine ganz eigene Vorstellung davon entwickelt, wie er sich die moderne Stadt vorstellt.

Durch geschicktes Agieren verschaffte er sich Gehör im Stadtrat und bei den Bürgermeistern von La Guardia bis hin zu Lindsay, angelt sich die Mauteinnahmen der Triborough-Brücke und geht prall gefüllter Kriegskasse daran, New York mit Expressways zu durchpflügen, anfangs inspirierte, zunehmend kontroverse Gebäude zu errichten (z.B. den Rockefeller Plaza oder das sterile UN-Hauptquartier, das bis heute aus dem Stadtbild heraussticht wie nicht dazugehörend), mit Strandbändern zu triumphieren, die breiten Massen, deren Armut er verachtet, dabei aber bewusst auszuschließen. Nach einem meteorhaften Aufstieg versteigt sich Moses in immer abenteuerliche Vorhaben, bis er schließlich den Kontakt zur Realität verliert und sich mit dem Plan des Lower Manhattan Expressway, kurz genannt Lomex genannt, vollständig verhebt. Diese Autobahn, die Manhattan auf zehn Spuren durchschneiden soll, gerät zu seinem Niedergang: die Architektin und Journalistin Jane Jacobs organisiert den Widerstand, prangert in einem Buch die Rücksichtslosigkeit an, mit der Moses seine Vorstellungen auf Kosten der Einwanderer und Armen durchpresst, bis Nelson Rockefeller Moses schließlich aus seinen Ämtern entfernt. Als Moses 1981 mit 92 Jahren stirbt, ist sein Andenken befleckt, er gilt als Inbegriff eines aus den Fugen geratenen, leeren Monumentalismus – und dennoch hat er die Stadt geformt wie kein anderer, „zum Guten wie zum Schlechten“.

Oliver Balez verarbeitet in dieser Biographie Elemente von The Power Broker, dem Buch, in dem Robert Caros 1974 die Geschicke und den Niedergang von New York eng mit Robert Moses verband. Balez erzählt auf dieser Basis äußerst fesselnd in schlaglichthaften Szenen die wichtigsten Stationen im Leben des Baumeisters, von seiner Herkunft und Ausgrenzung aufgrund jüdischer Abstimmung über die wohlgemeinten Ansätze, Erholungsmöglichkeiten und sichere Verkehrswege zu schaffen, bis hin zur Borniertheit und Größenwahn, die viele Projekte der letzten Phase charakterisierte. Moses erscheint als zutiefst zwiespältiger Mensch, der einerseits eine aufrichtige Vision verfolgte, ohne sich dabei persönlich zu bereichern, aber andererseits ohne jede Rücksicht gegen alle vorgeht, die ihm im Wege stehen, und Armut und Slums als dysfunktional und unhygienisch betrachtet.

Aber auch seine Widersacherin Jane Jacobs erscheint nicht nur in strahlendem Licht, sondern auch als Vorläuferin der Nimby-Bewegung – „not in my backyard“, in anderen Worten ihr könnt gerne alles bauen, aber doch bitte nicht bei mir. Dies vermeidet jegliche Vereinfachung, erschwert es, schnell Seiten zu beziehen, und liefert in Zeiten der lebhaften Diskussion über Stromtrassen, Windräder und Flüchtlingsunterkünfte eine durchaus zeitgemäße Problematik. Christin und Balez inszenieren diesen Reigen in atmosphärischen Panels, die vor allem die Zukunftsideen des Baumeisters gekonnt in bewusst visionär-traumhafter Manier darstellen. Vor allem gefällt die Verbindung von realen Persönlichkeiten (Roosevelt, Hoover, Walt Disney) mit fiktiven Personen und Anspielungen (Bruce Wayne, Men In Black). So entsteht ein faszinierender Einblick in die Entstehungsgeschichte eines Stadtbilds, das nicht zuletzt die Heimat vieler Comic-Figuren nachhaltig geprägt hat und sinnbildlich für ein ganzes Land und seine Lebensweise steht. (hb)

Robert Moses – Der Mann, der New York erfand
Text: Pierre Christin
Bilder: Olivier Balez
112 Seiten in Farbe, Hardcover
Carlsen Verlag
17,90 Euro

ISBN: 978-3-551-76499-7

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