Black Kiss, Band 1 (Panini) | Comicleser

Black Kiss, Band 1 (Panini)

November 4, 2014

Black Kiss, Band 1

Jede Menge Sex (und das ist noch galant ausgedrückt, für das war hier abgeht geht eigentlich nur noch das F-Wort). Crime. Und was für welches: Mord, Erpressung, was man möchte. Rock’n’Roll: nein, dafür aber Jazz. Als krönender Abschluss gehen dann noch die Satanisten und Untote um. Das sind nicht etwa die ersten Notizen für die Fortsetzung von From Dusk Till Dawn – nein, diese explosive Mischung rührte Howard Chaykin (der bereits 1976 den ersten Star Wars Film als Comic adaptierte) schon 1988 an und löste damit (vollkommen absichtlich) einen Riesenskandal aus. Pornographisch sei seine Serie Black Kiss, lautete das Verdikt, weshalb man die 12 Bände nur schick schwarz verpackt wie andere Schmuddel-Magazine erwerben konnte. Mit dieser Hardcover-Neuauflage kann nun auch die nicht weniger verklemmte Shades Of Grey-Generation beurteilen, ob das nun Kunst, Entertainment oder Exploitation ist.

Chaykin nimmt in seinem Erotik-Thriller so ziemlich jedes gesellschaftliche Reizthema ins Visier und provoziert damit: sein „Held“ Cass Pollack ist ein abgehalfterter Jazzmusiker, der nach seinem Entzug eigentlich nur noch seine Frau loswerden will, dann aber in eine mörderische Achterbahnfahrt hineingezogen wird, in der korrupte Cops und Mafia gleichermaßen hinter zwei mysteriösen Damen hinterherjagen. Die scheinbar ebenso alters – wie hemmungslose Beverly Grove hat zusammen mit der ihr hörigen Dagmar ein Problem – irgend jemand verfügt über kompromittierendes Filmmaterial, das die beiden dringend zurückhaben wollen und dabei vor nichts zurückschrecken. Bev greift Cass schneller in die Hose, als der Papp sagen kann, und schon ist der Gute nicht nur auf der Flucht, sondern auch in den Diensten des dubiosen Pärchens – und auf der Jagd nach den Filmrollen stößt Cass nicht nur auf einen durchgeknallten Satanisten-Kult ehemaliger Hollywood-Stars, der es nicht so genau damit nimmt, ob der Bettgefährte noch lebt oder nicht, sondern auch auf den psychopathischen Geliebten von Dagmar, der wie alle nicht schlecht staunt, als sich herausstellt, dass das viel gepriesene „gewisse Extra“ der Dame ein so gar nicht weibliches Körperteil ist (wie sie es bislang getrieben haben? Soll ich Euch ein Bild malen??). Als im feurigen Finale Beverly dann ungerührt durch einen Kugelhagel marschiert, ausgewachsene Männer zerknickt wie Strohhalme und dringend an das Blut von Cass heran möchte, erklärt sich plötzlich die Tatsache, dass sie seit 1919 keinen Tag gealtert scheint und auf menschliche Moral und Anstand pfeift. Aber sind ja noch Cass und seine Bekannte, die mit Knoblauch, Silberpatronen und Holzpflöcken angerückt sind…

Chaykin, unter anderem Autor und Zeichner der fulminanten SF-Satire American Flagg!, nahm Ende der 80er die Grundkonstellation eines film noir-Thrillers, lud ihn mit einer gehörigen Portion Gewalt auf und verrührte das Ganze nicht nur mit Brian de Palmas Erotik-Krimis (Body Double), sondern auch mit mehr als nur einer Prise Porno, um die bigotte Prüderie und Doppelmoral der damaligen Reagan-Zeit zu provozieren und zu entlarven. Cass wirkt wie der missratene Bruder von Philip Marlowe, der durch ein alptraumhaftes Sunset Boulevard-Szenario geistert, in dem uralte Filmstars mit öffentlichem Saubermann-Image bei satanistischen Seancen pornographische Stummfilme anhecheln. Die Cops sind mindestens ebenso gewalttätig wie das organisierte Verbrechen, die „Kunden“ von Bev und Dagmar entblößen (neben ihren schwabbligen Körpern) die ganze Abseitigkeit kleinbürgerlicher Existenzen, und auch die Kirche kommt in Form eines sexbesessenen Priesters nicht gerade gut weg.

Die Gewaltexzesse in stylischem Schwarz-Weiß nehmen Frank Millers Sin City um Jahrzehnte vorweg, und in den Drogenabgründen stellte sich der bis Mitte der 90er emsig konsumierende Chaykin nicht zuletzt selbst dar. Auch wenn die schließlich alles erklärende Gleichsetzung von Vampirismus und Sex so alt ist wie der Graf selbst, kommt die Auflösung ein wenig holprig daher, aber hierum geht es bei Black Kiss auch eigentlich nicht. Vielmehr bricht Chaykin absichtlich mit thematischen und auch erzähltechnischen Konventionen – immer wieder werden Handlungsstränge scheinbar zufällig zusammengeführt, Personen wandern im Bildhintergrund vorbei und nehmen das Geschehen sprichwörtlich mit sich, wie das Martin Scorsese später in seinen Mafia-Epen wie Goodfellas meisterhaft exerzierte. So entsteht ein fiebriges Kaleidoskop einer zynischen Gesellschaft, die ihre Dekadenz und Heuchlerei nur allzu schlecht kaschiert und in der die scheinbar unmoralischen Außenseiter die einzig Aufrechten sind. Band zwei (neue Personen, neue ‚Handlung‘) erscheint Ende November. Für Sammler und – im wahrsten Sinne – Hardcore Fans erschien anläßlich der Comic Action in Essen (wo Chaykin auch zu Gast war) ein auf 222 Exemplare limitierter Schuber mit Druck, der beide Bände bereits beinhaltete. (hb)

Black Kiss, Band 1
Text & Bilder: Howard Chaykin
168 Seiten in schwarz-weiß, Hardcover
Panini Comics
19,99 Euro

ISBN: 978-3-86201-954-0

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