Die Stern-Bande (Panini) | Comicleser

Die Stern-Bande (Panini)

August 27, 2014

Die Stern-Bande (Panini)

Tagesschau, seit ich mich erinnern kann: Krise im Nahen Osten. Israelis und Palästinenser im Kampf bis aufs Messer, dazwischen ein bärtiger Kauz mit Tischtuch auf dem Kopf, das die Protestbewegung der 80er auch in Deutschland dann als Arafat-Tuch übernahm. Gestritten wurde um wundersame Dinge wie die Golan-Höhen, Siedlungsrechte und den Gaza-Streifen. So richtig verstanden haben wir nie, um was es eigentlich ging, man sah Gewalt, Gegengewalt und hysterisch schreiende Männer, die in die Luft schossen und gerne auch mal irgendwelche Puppen verbrannten, während die Amerikaner gelegentlich versuchten zu schlichten, sicherlich nicht ohne Eigennutz. Abgesehen von Waffenstillständen und Friedensabkommen war niemals so richtig Ruhe in der Gegend, und so wurde das Thema mehr oder weniger zum Dauergast in den Nachrichten – gerade leider wieder – den man irgendwann gar nicht mehr richtig beachtete (siehe auch hier).

Genau hier setzt nun diese Graphic Novel von Luca Enoch (u.a. Morgana bei Carlsen) und Claudio Stassi an – Die Stern-Bande schlägt ein längst vergessenes Kapitel der Geschichte auf, als Israel sich als Staat gerade konstituierte und die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Juden, Arabern und den damaligen Besatzern ihren Ursprung nahmen. In einem von den Engländern kontrollierten Gebiet namens Palästina sammeln sich nämlich in den 20ern Jahren gleich mehrere Untergrund-Organisationen, die man heute wohl als terroristische Splitterfraktionen bezeichnen würde: paramilitärisch organisiert, verbreiteten die zionistischen Milizen Hagana, Irgun und Lechi Angst und Schrecken durch Anschläge, gezielte Ermordungen und Raubzüge. Vor allem die Lechi – auch genannt Stern-Bande, nach ihrem Anführer Avraham Stern – zeichneten sich dabei durch Rücksichtslosigkeit und Sendungsbewusstsein aus: die Zukunft Palästinas, so die feste Überzeugung der kleinen, nur wenige Hundert zählenden Gruppe, ließ sich nur im blutigen Kampf erstreiten. Die Geschichte der Lechi entfalten Enoch und Stassi anhand eines Kunstgriffs: das ehemalige Mitglied Yehoshua Cohen, genannt Avner, erzählt 1960 im Kibbuz von Sede Boker in der Wüste Negev dem Ex-Premier David Ben Gurion – seinerseits früherer Mitstreiter der Lechi – die Ereignisse, die sich immer mehr zuspitzen und nach der Teilung der Region in den Staat Israel und die Palästinenser-Gebiete in der Ermordung des EU-Unterhändlers Graf Folke Bernadotte kulminieren.

Dabei vermeidet die Darstellung jeden Versuch, Verständnis oder Sympathie für die mörderische Vorgehensweise der Bewegungen zu heischen: in messianischer Haltung scheint Stern und seinen Anhängern jedes Mittel recht, die vermeintlichen jüdischen Interessen durchzusetzen, man sprengt ganze Dörfer in die Luft und nimmt dabei Opfer auf der zivilen Seite mehr als billigend in Kauf. Schockierend auch der Umgang mit „Abweichlern“ aus den eigenen Reihen, die gnadenlos hingerichtet werden. So entsteht ein oftmals auch verwirrendes Kaleidoskop einer Spirale der Gewalt, die einen berechtigten Grund haben mag – die Sehnsucht nach einem eigenen Land, das dem Volk schon in der Bibel versprochen war – aber durch Selbstherrlichkeit, Egoismus und Intoleranz in eine Unmenschlichkeit mündet, die kein Jota besser ist als andere totalitäre Systeme. Inszeniert ist das Ganze in schwarz-weißen Panels ohne große spektakulären Effekte oder Überformungen – im Mittelpunkt steht die Story, die einen aufschlussreichen und oft auch erzürnenden Einblick in ein Kapitel der Geschichte gewährt, deren Nachhall die Welt bis heute beschäftigt. (hb)

Die Stern-Bande
Text: Luca Enoch
Bilder: Claudio Stassi
124 Seiten in schwarz-weiß, Hardcover
Panini Comics
19,99 Euro

ISBN: 978-3-86201-953-3

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