Ardalén (Ehapa ECC) | Comicleser

Ardalén (Ehapa ECC)

August 17, 2014

Ardalen

Zwar schon im letzten Jahr erschienen, wollen wir jetzt die erste Graphic Novel des spanischen Edelzeichners Miguelanxo Prado vorstellen, der bereits in den 90er Jahren u.a. mit Der tägliche Wahn für Furore sorgte. Seine beiden letzten auf Deutsch veröffentlichten Bände sind schon eine Weile her, nämlich 2010: Die Gesamtausgabe von Der alltägliche Wahn (bei Ehapa) und De Profundis (bei Salleck), das Buch zu seinem Animationsfilm.

Sabela ist Anfang vierzig, ist frisch geschieden und frustriert von ihrem Leben. Sie beschließt, etwas über das Leben ihres Großvaters, der Ende der Dreißiger Jahre nach Kuba ging, zu erfahren und reist dazu in eine entlegene Bergregion Spaniens. Dort hofft sie Verwandte oder Bekannte eines Freundes ihres Opas zu finden. Sie stößt auf den alten Fidel, vermeintlich ein ehemaliger Seemann, der etwas außerhalb des Ortes wohnt. Fidel scheint in der Traumwelt seiner Vergangenheit zu leben. Schon bald weiß Celia nicht mehr, ob Fidels Berichte auf seiner Einbildung oder echten Begebenheiten beruhen. Sein Haus, das mit zahlreichen maritimen Gegenständen eingerichtet ist, wird immer mehr zur Bühne der Fantasie, auf der sich seine Träume und Imaginationen ausleben. So besucht ihn sein alter Freund Ramon, der ertrunken ist. Er kappelt sich mit der Fee Xanina und tanzt mit Rosalia, einer längst verflossenen Freundin. Fische schwimmen in Fidels Haus, auf der Lichtung beobachtet er Wale, die vom Ardalén-Wind angelockt werden. Fidels Traumwelt zieht sich durch das ganze Buch, graphisch und erzählerisch verschwimmen immer mehr die Grenzen der Realität. Dazwischen werden Episoden aus der Vergangenheit gezeigt. Wir erfahren nach und nach Details aus Fidels Leben, Episoden, die ihn prägten.

Dann ist da Tomás, ein Stammgast in dem Wirtshaus, in dem sich Sabela eingemietet hat. Er intrigiert gegen sie. Eigentlich gegen alle. Ein verbohrter, grummeliger Alter, der sein eigenes Ziel verfolgt. Dann Fidels Tante soll angeblich einen Schatz mit Silberdollars vergraben haben. Auf den hat es Tomás abgesehen. Und geht dabei rücksichtslos vor. Doch das Ende – wir dürfen nicht zu viel verraten – ist versöhnlich. Glück und Geborgenheit werden gefunden, man schließt Frieden mit sich selbst und Sabela wird in Fidel so etwas wie den Großvater finden, den sie nie kannte. Die Realität, die Wirklichkeit, die Erinnerungen werden zur Nebensache.

Der Ardalén ist ein warmer, feuchter und salziger Wind, der an den europäischen Atlantikküsten vom Meer zum Land hin weht. Glaubt man der Fee, ist es ein mystischer Wind, der fremde Erinnerungen bringen soll. Man merkt, Poesie wird hier groß geschrieben. Prado ist ein leiser, einfühlsamer, warmherziger Erzähler. Wer hier Action erwartet, ist definitiv falsch. Prado hat einen ureigenen, unverwechselbaren Zeichenstil. Auch das Lettering ist sehr aufwändig und besteht aus verschiedenen Schriftarten, die den einzelnen Personen zugeordnet werden. So spricht jeder in seinem eigenen ‚Stil’. Die Sprechblasen sind auch nicht ganz weiß, sondern hell transparent und ordnen sich so nicht störend in das Gesamtbild ein. Das einzige, was den Lesefluss stören mag, sind die fiktiven Berichte, die Prado erklärend und erläuternd einstreut. Die kann man aber auch zum Schluss lesen. Eine edle Graphic Novel mit einer phantasievollen und die Phantasie anregende Geschichte, wie man sie selten liest. (bw)

Ardalén
Text & Bilder: Miguelanxo Prado
256 Seiten in Farbe, Hardcover
Ehapa/Egmont Comic Collection
29,99 Euro

ISBN: 978-3-7704-3695-8

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