Kick-Ass Gesamtausgabe (Panini) | Comicleser

Kick-Ass Gesamtausgabe (Panini)

Oktober 31, 2010

Mit Kick-Ass ist dem Duo Romita jr. und Millar das mittlerweile seltene Kunststück gelungen, ein Superhelden-Epos zu kreieren, das Frische, Frechheit und Spaß serviert. Und das ist in einer Zeit, wo in jeder Batman-Ausgabe mehr Existenzialismus zerkaut wird als in einem Einführungskurs Philosophie, und man sich nach den „einfachen“ Detektiv-Geschichten eines Denny O’Neil und Neal Adams zurücksehnt, ein willkommenes und gar nicht so kleines Wunder.

Worum geht’s? Der Teenager Dave Lizewski ist ein echter Geek, der in seiner Comic-Welt lebt, ansonsten aber keine besonderen Merkmale hat. Bis er sich eines Tages fragt, warum denn bislang noch keiner auf die Idee gekommen ist, sich wirklich in langen Unterhosen des nachts auf Verbrecherjagd zu begeben. Gesagt, getan, und im über ebay gekauften Neopren-Anzug bietet Lizewski der Unterwelt die Stirn. Genau einmal, und ziemlich wörtlich, denn gleich beim ersten Heldenausflug wird er beinahe massakriert und dann noch überfahren. Aber auch davon lässt er sich nicht abschrecken, und irgendwann schafft er es tatsächlich, ein paar böse Buben ordentlich zu vermöbeln. Dank You Tube ist er eine Übernacht-Sensation, die auf der flugs gebauten Website in Nöten geratenen Bürgern ihre Hilfe anbietet. So gerät Kick-Ass, wie er sich fortan nennt, ungewollt in die Tiefen des ganz großen, organisierten Verbrechens – und damit in die Sphäre von zwei echten Superhelden: da ist das kleine, zierliche Mädchen Hit-Girl, das nach allen Regeln der Kunst Gegner genüsslich aufschlitzt und zerhackt, und Big Daddy, der Mastermind im Hintergrund. Und dann taucht noch Red Mist auf, mit dem Kick-Ass ein Superhelden-Gespann bildet. Aus diesen Zutaten entwickelt sich eine immer heftigere, krassere Story, die in ihrer Auflösung so viele twists bereithält, wie das ein veritabler Thriller nicht besser könnte.

Kick-Ass liefert gleich drei Wohltaten: erstens eine fesselnde, ultraharte Story mit durchdachtem Plot und knisternder Atmosphäre. Zweitens erleben wir hier eine feine Gratwanderung zwischen Hommage und Parodie verschiedenster liebgewonnener Charaktere: den Taucheranzug und die Schlagstöcke kennen wir von Daredevil, der verklemmte Junge mit jeder Menge teenage angst und die Springübungen über Dächer kommen direkt aus Spider-Man. Bei seinem ersten Ausflug ordentlich vermöbelt wird auch Batman in Millers Batman: Year One; bei Big Daddy und Hit-Girl lassen natürlich das alte Spitzohr und Sidekick Robin grüßen. Und dass Kick-Ass nach seiner Notoperation, in der ihm diverse Stahlplatten eingesetzt werden, alle Art von Schlägen abkann, davon kann wohl auch ein gewisser Logan mit seinem Adamantium-Skelett ein Liedchen trällern. Und schließlich bietet Kick-Ass auch eine liebevolle Satire aller überzeugten und besessenen Comicleser, die ja bekanntlich dazu tendieren, den ganzen Zirkus etwas zu ernst zu nehmen – so stets zu erleben auf Messen und Konventionen.

Mark Millar, der für Meilensteine wie Wanted oder die Ultimativen X-Men verantwortlich zeichnet, zeigt in Kick-Ass damit, wie eine wirkliche Graphic Novel zu basteln ist. Die Grundidee ist nicht zu schlagen, nichts ist wie es scheint, vieles hat einen doppelten Boden, und vermeintliches Pathos, das die aktuellen Superhelden-Epen oft überfrachtet, (Achtung Plot-Spoiler voraus!!) wird bei Big Daddy brutal als lachhafte Selbstinszenierung enthüllt.

Nicht zuletzt bietet Kick-Ass aber auch berauschende optische Inszenierung: Romita jr. setzt sich interessanterweise vom Ultra-Realismus eines Alex Ross ab, der in Marvels und Kingdom Come ja eben nachbildet, wie ein Spandex-Hosen-Träger im Alltag aussehen würde – was zum Thema doch eigentlich passen würde. Romita jr. nimmt vielmehr seinen Stil aus seinen umjubelten Runs bei Spider-Man, Wolverine und Thor wieder auf. Die Figuren erscheinen stilisiert, mit vielen Ecken und Kanten, ohne jemals zu comichaft zu wirken (allein dieser Stil ist für Fans ja schon eine Rückreferenz auf die „echte“ Comicwelt). In ausladenden Panels wird die – für ein Mainstream-Comic teilweise fast schon grenzwertige – Gewalt ausgebreitet, werden zentrale Szenen wie die Einführung von Hit-Girl und Big Daddy auf ganzen Seiten präsentiert. Im Wechsel zwischen Panorama-Bildern und Nahaufnahmen rückt die Bildsprache in die Nähe des Kinos – und diese Verbindung steht immerhin in Verbindung zu den Besten (Millers The Dark Knight Returns).

Dass das Ende offen ist, als The Red Mist die unweigerliche Wahrheit verkündet, dass zu einem zünftigen Helden ja auch immer ein respektabler Schurke gehört, der ab jetzt im Spiel sei, das gibt Hoffnung auf mehr Kick-Ass Action.

Weniger davon gibt es leider im Kinofilm, der die Story auch einem breiteren Publikum offerierte. Obwohl in Aufwand und Design deutlich wird, dass die Macher des Comics an Bord waren – Kostüme und Sets entsprechen minutiös der Vorlage – entfallen im Film leider eben die satirischen Spitzen, die das Original so inspiriert machen. Die Tragik von Big Daddy wird nicht als lächerlich entlarvt, sondern ist echt, Kick-Ass erobert seine Angebetete, anstelle von derselben eine reingehauen zu bekommen, und anstatt des dreckigen Showdowns gibt es eine alberne Flugmaschine à la James Bond. Schade drum. Tipp: Comic lesen und begeistert sein. (hb)

Text: Mark Millar
Bilder: John Romita jr
212 Seiten, 19,95 €

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