
Superhelden werden immer gefeiert? Weit gefehlt – nachdem eine Rettungsaktion der Reality-TV-Helden New Warriors katastrophal scheitert und in einer gewaltigen Explosion hunderte Zivilisten, darunter viele Kinder, getötet werden, wendet sich das Blatt der öffentlichen Meinung. Geschickt gesteuert von S.H.I.E.L.D.-Boss Maria Hill werden Rufe nach Regulierung laut, in einem phantasievoll bezeichneten „Superhero Registration Act“ sollen die Vigilanten vor die Wahl gestellt werden: entweder „offiziell“, demaskiert und angestellt bei S.H.I.E.L.D. – oder gesetzlos und gejagt. Schnell spaltet sich die Gemeinschaft der Helden in zwei Lager: Tony Stark zeigt sich verständig und linientreu, immerhin könne man doch nun endlich ganz regulär die guten Taten verrichten.
Ganz anderer Meinung ist da Steve Rogers: als Maria Hill ihn beauftragt, die Abweichler in Schach zu halten, verweigert Captain America den Befehl, schlägt sich per Düsenjet in die Büsche und taucht unter. Während sich öffentliche Demos mehren und Captain America mit seinen Verbündeten – vor allem „Straßenkämpfer“ wie Daredevil und Falcon – im Untergrund ostentativ Schurken ausschaltet, formiert sich um Iron Man die Phalanx der Regierungstreuen: Reed Richards arbeitet mit Hank Pym an einem Hochsicherheitsgefängnis namens 42, in dem Abweichler wegen „unlizenzierter Superaktivität“ interniert werden sollen.
Als das Gesetz zur Regulierung der Superhelden endgültig in Kraft tritt, beginnt die Jagd auf die Maskierten. Die New Avengers um Patriot werden fast geschnappt, aber Cap und Falcon haben die Aktion infiltriert und bringen die Truppe per Teleportation in ihren geheimen Stützpunkt, einem S.H.I.E.L.D.-Quartier, das nur der ebenfalls abtrünnige Nick Fury kennt. Dann aber landen Maria Hill und Iron Man einen medialen Coup: vor laufender Fernseh-Kamera bekennt sich Spiderman zur neuen Ordnung und demaskiert sich. Nach weiteren Scharmützeln lockt die Fraktion um Iron Man die untergetauchten Vigilanten in eine Falle – wo dann plötzlich der mächtigste Avenger Thor ins Geschehen eingreift…
Bürgerkrieg! Die Helden treten gegeneinander an! Misstrauen allenthalben! Mit diesen Grundstoryzügen schuf Mark Millar 2006 eines der wenigen „Superevents“, das den Namen wirklich verdient. Im Gegensatz zu den zahllosen Endlos-Crossovern, nach denen „nichts mehr so sein wird wie vorher“ (gähn), lieferte Millar ein packendes und komplexes Konzept, das sich an der Grundfrage entlanghangelt, die auch schon ein anderes Jahrhundertwerk stellte: quis custodiet ipsos custodes, who watches the watchmen – dieses uralte Dilemma von Macht und Kontrolle, das erstmals Juvenal aufwarf (allerdings in eher satirischer Ausprägung im Kontext ehelicher Treue) und das eine Schlüsselproblematik jeder Staatsordnung adressiert, erforschte schon Alan Moore in seinen epochalen Watchmen.

Bei Millar sind die Grenzen so verwaschen wie in der Realität – Vigilantentum mag gute Ziele verfolgen, stellt sich aber unweigerlich selbst übers Gesetz (Frank Castle alias Punisher lässt grüßen). Die Seite von „law and order“ muss dabei allerdings ebenfalls nicht immer glänzen, sondern kann auch wiederum instrumentalisiert und irregeleitet werden – wunderbar vorgeführt in der pechschwarzen Superantiheldenvision „The Boys“. Dieses Dilemma wird hier verkörpert in der durchaus nicht uneigennützigen Maria Hill, die sich mit S.H.I.E.L.D. zur unbestrittenen Machtinstanz emporschwingen und alle Helden kontrollieren will – Tony Stark, Reed Richards, Hank Pym, She-Hulk, Ms Marvel, alle eher „nobleren“ Helden folgen der Idee, dass Regulierung besser als Verbot ist.
Dagegen die Fraktion der Individualisten und Einzelkämpfer, allen voran Cap mit seinem unerschütterlichen Kampf gegen jede Form der Unterdrückung, gefolgt von Daredevil, Falcon, Cable und Hercules. Trotz redlicher Versuche, möglichst viele Kämpfer zu rekrutieren, lassen einige Helden Tony elegant abblitzen: die X-Men, Black Panther und Doctor Strange bleiben lieber neutral als sich in den Konflikt hineinziehen zu lassen. Dass die Chose natürlich den Lumpensöhnen Tür und Tor öffnet und dass am Ende jede Menge auch emotionaler Wunden zu heilen ist, versteht sich. Zeichnerisch liefert die Mini-Serie ebenfalls ein absolutes Glanzlicht: nach den glupschäugigen, langhaarigen Versionen der 90er kehrte Steve McNiven zu einer deutlich realistischeren Gestaltung zurück, in denen sich ganz im Geist eines Alex Ross die Falten über die Kostüme ziehen – aber natürlich in Sachen Körperästhetik nach wie vor jede Menge geboten ist (Sue Storm! She-Hulk!).
Somit eine mehr als wünschenswerte Neuauflage des Klassikers, der erstmals 2006 in sieben Ausgaben als Miniserie erschien und einem breiteren Publikum zehn Jahre später durch das gleichnamige zweite Cap-Leinwandabenteuer bekannt wurde, in dem die Storyline mit leichten Abwandlungen als Grundprämisse der Handlung diente (eine fehlschlagende Rettungsaktion wird auch im Film zum Auslöser für eine Registrierungspflicht für Helden, der sich Cap verweigert) – inklusive der ikonischen Szene des Kampfes zwischen Iron Man und Captain America. Bei Panini erscheint die Neuauflage unter der Flagge „Marvel Events“ (wo auch Klassiker wie etwa „Secret Wars“ und „Planet Hulk“ neu aufpoliert werden) auf 208 Seiten mit einer Cover-Galerie. Und dass einen Bürgerkrieg keiner braucht, das wussten immerhin schon Guns N‘ Roses. (hb)
Marvel Events: Civil War
Text & Story: Mark Millar
Bilder: Steve McNiven
208 Seiten in Farbe, Softcover
Panini Comics
29 Euro
ISBN: 978-3-7416-4721-5