
Superhelden-Anthologien liest man immer gerne, bieten sie doch die wunderbare Möglichkeit, wichtige Stationen der entsprechenden Figur noch einmal nachzuverfolgen oder neu zu entdecken – seien sie klassisch oder neueren Datums. Als eine Art „Best-Of“ erwartet man dann natürlich (und völlig subjektiv) die eine oder andere Geschichte. So auch hier bei der aktuellen Silver Surfer Anthologie. Deshalb gleich vorweg: eine Story fehlt, ein Zweiteiler, nämlich „Parabel“, die einzige und einzigartige Zusammenarbeit zwischen Stan Lee und Moebius, alias Jean Giraud. Natürlich: Es gibt inzwischen genügend Ausgaben dieses Zweiteilers, sei es innerhalb der „Must have“-Reihe oder als Deluxe Band. Dennoch… Dafür ist hier eine Story enthalten, mit der wirklich nicht zu rechnen war: „The Answer“ (Die Antwort), bei uns erschienen im Epic Magazin (auf Deutsch bei Condor zwischen 1983 und 1985), als Marvel mit phantastischen Geschichten außerhalb seines Superhelden-Universums das erwachsene Publikum ansprechen wollte, was uns damals ganz neue Welten erschloss.
Los geht’s mit einem Klassiker, nämlich Fantastic Four #55, natürlich von Stan Lee und Jack Kirby. Mit der Galactus-Trilogie wurde der Silver Surfer kurze Zeit zuvor in das Marvel-Universum eingeführt. Hier treffen er und das Ding in einer epischen Klopperei, die sich fast durch das gesamte Heft zieht, aufeinander. Danach erst folgt die unverzichtbare Origin-Story aus Silver Surfer #1 von 1968, gezeichnet von John Buscema. Der Surfer, der früher Norrin Radd hieß, rettet seinen Planeten Zenn-La indem er Herold von Galactus wird. Eine weitere Geschichte aus der klassischen Ära, wieder vom Duo Lee/Buscema, ist Silver Surfer #14 von 1970, mit einer Konfrontation zwischen dem ewig unverstandenen Surfer und Spider-Man, in der ein kleiner Comic-Fan eine wichtige Rolle spielt. Der Galactus Zweiteiler aus der FV Reihe mit den Heften 122 und 123 von 1972 ist dann eine Art Neuauflage der ersten Trilogie und dabei etwas konfus geschrieben, aber immerhin mit Richard Nixon in einer Gastrolle.
Nun folgt jene nur acht Seiten umfassende Story aus Epic: „Die Antwort“ auf die Frage, was jenseits unseres Universums liegt – wieder von Lee und Buscema, aber dazu noch aufwändig koloriert von Rick Veitch. In „Flucht – ins Grauen“, einem überlanger One-Shot, trägt John Byrne die Hauptverantwortung, der hier die Origin des Surfers ergänzt und Mephisto als Erzfeind ins Spiel bringt. Etwas verwirrend, weil mit unaufgelöstem Cliffhanger endend, ist die Episode „Zurück zum Anfang“ von 1987, in der der Surfer nach dem Onslaught Event auf die Erde zurückkehrt. Hier sind wir bereits in der Moderne angekommen, mit unterkühlten Zeichnungen von Ron Garney. Jetzt folgt ein humoristisches Schmankerl, in dem Stan Lee auf Galactus trifft, der von seinem Herold ziemlich genervt scheint. Ein augenzwinkernder Spaß, vom zu früh verstorbenen Mike Wieringo gezeichnet.
Der Surfer, so erfahren wir in den Begleittexten, die jeder Geschichte voranstehen und diese auch in den jeweiligen historischen Kontext setzt, war Stan Lees Lieblingsfigur. Weshalb er auch sofort zusagte, als Moebius sein Parabel-Projekt ins Spiel brachte. Der ewige kosmische Grübler im Marvel-Universum, der edle Recke, der versucht die Menschen und deren Unzulänglichkeiten zu verstehen, trotz nicht endend wollender Anfeindungen, hatte es Lee angetan. Ein Highlight des Bandes, sowohl inhaltlich wie auch visuell ist die Story „Hilfe gesucht“ aus Daredevil #30 von 2013 mit der eher ungleichen Paarung Surfer/Matt Murdock, alias Daredevil. Hier werden die beiden durch einen außerirdischen Besucher auf Trab gehalten. Geschrieben und gezeichnet von Mark Waid und Chris Samnee, der hier seinem angenehm klassischen Strich frönt. Das Duo zeichnete sich auf für die wunderbare „Black Widow“ Serie verantwortlich, die vor einigen Jahren bei Panini erschien.
Noch ein ureigener, sofort erkennbarer Zeichenstil, der in jüngerer Vergangenheit die Figur des Silver Surfers prägte: Mike Allred, der dem kosmischen Held gemeinsam mit Autor Dan Slott mit Dawn Greenwood eine junge Dame zur Seite stellte – hier wieder mit viel Humor und einer reichlich skurrilen Gegnerschaft („Wie funktioniert das Herz eines Aliens“ von 2016). Abschließend folgen nun zwei Storys, die lt. Beitext als Moebius-Hommagen zu verstehen sind – der „Parabel“-Zweiteiler ist also indirekt doch Thema – und die zeichnerisch hervorstechen: „Konsequenzen“ aus dem Silver Surfer Annual von 2018 zeigt quasi die Vorgeschichte der ersten Galactus Trilogie, mit Zeichnungen von André Lima Araújo, und Steve McNiven glänzt als Autor und Zeichner im Moebius-ähnlichen Stil in der Kurzgeschichte „Tauber Himmel“ von 2023. Wer sich also in die Geschichte des Silberstürmers vertiefen will, ist hier bestens aufgehoben und bekommt obendrein viel Lesestoff geboten, sowohl klassisch als auch modern. (bw)
Silver Surfer Anthologie: Der kosmische Held
Text & Story: Stan Lee, George Pérez, Dan Slott, John Byrne,
JM DeMatteis, Mark Waid
Bilder: Jack Kirby, John Buscema, John Byrne, Ron Garney,
Steve McNiven, Mike Wieringo, André Lima Araújo
320 Seiten in Farbe, Hardcover
Panini Comics
35 Euro
ISBN: 978-3-7416-4708-6