
Wohliger Schauer, Runde 3: der freundliche Creep von nebenan führt seine Anhänger im Geiste der 80er-Kino-Compilation von George A. Romero und Stephen King wieder durch insgesamt 10 neue Grusel-Episoden, in denen sich jeweils ein anderes Kreativteam ordentlich austoben darf. Los geht’s mit einem „Heißen Trip“: Jane Miller liebt Regeln und ist gerne mal pedantisch. Umso ärgerlich, dass ihre Tochter Mary mit 18 der Sekte Higher Mind, Higher Heart von Guru-La nachläuft. Vor Ort stellt Jane nicht nur überrascht fest, dass der Guru ihr Ex-Kollege Gary ist, sondern auch, dass die magischen Pilze bei ihr lange verdrängte Triebe freilegen…
Den „Schnitzer“ lernt ein Sensationsjournalist kennen, der mit einem alten Fischer spricht. Der fand auf einem Handknochen eingraviert eine Spukgeschichte, die er durch immer neue Menschenopfer weiterlesen konnte, bis der sprichwörtlich federführende Ghul die Lieferung einstellte er selbst herhalten musste… Eine ganz spezielle „Pyjama Party“ erlebt der kleine Timmy (standesgemäß in Freitag der 13.-Hockey-Maske), als an Halloween zwei angebliche Vampire sich als höchst real herausstellen und er selbst ein untotes Dasein dem ewigen Alleinsein vorzieht…
Eine „Triggerwarnung“ spricht der Creep dann für alle Generation Z-Vertreter aus: der Influencer Tre postet Stories über das angebliche Spukhaus Kingswood, die jede Menge Likes bringen. Als ihn sein Freund Marcus herausfordert, das sei doch alles Mumpitz (heutzutage nennt man das wohl eher Clickbait), übernachtet Tre in Kingswood, um den Beweis seiner Posts anzutreten. Am nächsten Tag ist er verschwunden, an die Wände ist in Blut nur „Now I know!“ geschmiert. Marcus will die Sache aufklären und verschwindet ebenso spurlos. Als dann auch Danielle vor Ort nächtigt, entdeckt sie die gänzlich anders gelagerte Wahrheit…
Ein echtes „Mord-Variant“ entdeckt der Comic-Nerd Donald (nomen est omen), als er in einem Lagerraum einem ahnungslosen Verkäufer einen wertvollen Fehldruck für einen Spottpreis abluchst. Seine Frau Marge (auch dieser nomen est omen) zeigt sich alles andere als beeindruckt, schimpft über die Comic-Manie ihres Mannes und geht durchaus ruppig mit dem Stapel Neuerwerbungen um: auch den Sensationsfund benutzt sie als Topflappen und gießt Salatsoße darüber. Was dann wiederum Donald zum völligen Ausrasten und letztendlich in den Knast bringt…
Zum „Opfer“ werden zwei selbsternannte Detektive, die als „Web-Sherlocks“ ungelösten Fällen nachgehen und dabei gerne Hinweise aus der Online-Community aufnehmen. Zwar finden Lynn und Ben den angeblichen Tatort eines Mordes in der Tat per GPS-Signal, aber die verblichene Nicky Hinton entpuppt sich als arme Seele, die keinesfalls von ihrem in Haft sitzenden Mann Alex, sondern von einem Dämon umgebracht wurde, den die beiden Amateure nun entfesselt haben…
Ganz getreu dem Anthologie-Charakter erlebt der geneigte Horrorfan auch hier zehn Verbeugungen nicht nur vor dem Creepshow-Film, sondern auch vor den seligen EC-Comics, deren 60er und 70er-Vibes vor allem in der optischen Umsetzung der „Pyjama-Party“ durch Jorge Fornés (u.a. Daredevil, Batman und diverse Horror-Titel) durchschimmern. Inhaltlich ist dabei wieder jede Menge geboten, von straightem Horror bis hin zu den Stephen King/George A. Romero-typischen Sozialsatiren (im „heißen Trip“ von Chip Zdarsky – u.a. auch Black Hammer Visions 1 – liefert Jane Miller eine wunderbare Parodie des bigotten Kleinbürgers, der hinter der Fassade der Ordnung nur neidisch auf die Freiheit anderer ist), klugen Reflektionen über die Entstehung einer Erzählung (der „Schnitzer“ zeigt quasi ein Monster mit Schreibblockade) und zeitgemäßen Anspielungen auf die Social Media-Sucht ganzer Generationen, als der Creep die „Triggerwarnung“ einleitet: „Was geht, hippe Mit-Gen-Zs? Hab grade meine Socials durchgeschaut. Ihr kennt doch diese Leute – und mit „diese Leute“ meine ich realitätsferne Boomer -, die denken, Social Media sei Teufelszeug. Ich sag Euch, alte Säcke sind uncool.“
Was die „Instagram meets Blair Witch Project“-Story dann eben unterstreicht und wir als bekennende Boomer sehr positiv und zustimmend zur Kenntnis nehmen. Während optisch sicherlich „Fleischwunden“ aus der Feder von Mark Torres in expressiv-überhöhten, alptraumhaften Szenerien brilliert, liefert Chris Condon mit seiner Story um das Mord-Variant inhaltlich einen ganzen Korb voller Easter Eggs für Comic-Freunde: das Cover des Objektes von Donalds Begierde, einer fiktiven Ausgabe von „Creepshow“, ist optisch eindeutig an die legendäre erste Ausgabe der Spider-Man-Serie von Todd McFarlane angelehnt, die 1990 nicht nur ein ikonisches Cover lieferte, sondern mit 2,5 Millionen Exemplaren auch alle Verkaufsrekorde brach – nicht zuletzt dank zahlloser Variants, von denen die erste Auflage der Silber-Ausgabe tatsächlich einen bekannten Fehldruck enthielt, in dem durch einen Fehler beim Farbplattentausch die schuppige der Echse auf einmal blau erschien.
Und ein kleines „i“ für McFarlanes spätere Heimat Image darf auch nicht fehlen – ein Insider-Heaven sozusagen, sicherlich auch darin begründet, dass Condons Reihe „That Texas Blood“ bei Image erscheint. Somit also wieder viel Gruseliges, aber auch Kluges und Durchdachtes, was wie gewohnt durch eine hübsche Cover-Galerie der US-Ausgaben Creepshow Vol. 3 1-5 ergänzt ist. (hb)
Creepshow, Band 3
Text & Story: Chip Zdarsky, James Stokoe, John Ridley,
Mike Carey, John Arcudi, Acky Bright u.a.
Bilder: Jorge Fornés, Stefano Raffaele, Kagan McLeod,
Isaac Goodhart , Shawn McManus u.a.
128 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
29,80 Euro
ISBN: 978-3-68950-021-4