
Mitten im Kongo, Anfang der Sechziger Jahre. Simba Lee, der als bester Safari-Führer und Großwildjäger in ganz Zentralafrika gilt, bekommt vom Briten Harper einen lukrativen, aber äußerst gefährlichen Job angeboten: irgendwo im Sumpf von Dialo in der noch unerforschten und unzugänglichen Region Nianga-Nianga, wo nur scheue Pygmäen leben, soll ein prähistorisches Tier überlebt haben. Harper will mit Simba Lee das Tier finden, fangen und an einen Zoo verkaufen. Doch Simba zögert und willigt erst ein, als Christine auftaucht, die Tochter des schon seit Monaten verschollenen Geologen André Navarre. Christine will ihren Vater suchen. Und der wurde zuletzt in ebenjener Region Nianga-Nianga gesehen („Safari nach Dialo“)…
Irgendwas ist faul im Dschungel, genauer gesagt im Karapata-Reservat. Der Reservatsverwalter Lantier wurde entführt, sein Haus verwüstet. Seine Tochter Caroline, gleichzeitig eine Freundin von Simba Lee, konnte entkommen. Wer steckt hinter diesen Verbrechen? Simba will mit dem Segen des Gouverneurs die Schuldigen finden und Lantier befreien. Und erhält gleich eine eindeutige Drohung von einem „Schwarzen Skorpion“, wovon er sich natürlich nicht entmutigen lässt. Als er sich mit Caroline und seinem Tross aufmacht in das Reservat, treten ihm eigentlich befreundete Stammesführer und Medizinmänner feindlich gegenüber. Bald muss Simba erkennen, dass er es hier mit einem mächtigen Gegner zu tun hat („Das Karapata-Reservat“)…
Zwei albumlange Episoden, und dann war schon wieder Schluss. Die Serie „Simba Lee“ erschien 1960 und 1961 im Spirou-Magazin – geschrieben von Jean-Michel Charlier und gezeichnet von Herbert Geldhof, der nur mit seinem Vornamen auftrat – und fühlte sich ganz in der Tradition von weißen Dschungel-Abenteurern wie „Jungle Jim“ (von Alex Raymond) und „Tiger Joe“ (ebenfalls von Charlier, mit Zeichnungen von Victor Hubinon, bei uns zuletzt 1990/1991 in drei Bänden bei Comicplus erschienen). Die Handlung spielt im Kongo, damals durchaus brisant, denn die vormalige belgische Kolonie, in der mehr Gräuel verübt wurden als irgendwo sonst im kolonialen Afrika, wurde da gerade unabhängig. Eine mögliche politische Komponente, die hier gänzlich ausgeklammert wird.

Dennoch sind die beiden Episoden Kinder ihrer Zeit – und als solche muss man die Geschichten auch lesen –, festzumachen an dem damals wohl selbstverständlichen Umgang mit den Schwarzen. Sie dienen als Träger, warten geduldig auf Order, frönen dem Aberglauben, geben sich mit Geschenken zufrieden oder sind gerne zu Tode verängstigt. Davon abgesehen versteht es Charlier, seine beiden Storys dicht und mit für ihn typischen Merkmalen zu erzählen: In „Safari nach Dialo“ ist in erster Linie der Weg das Ziel. Die gesuchte Bestie spielt letztlich nur eine Nebenrolle, man meistert Gefahr um Gefahr und mit dem Tombola-Gewinner sorgt eine klein-dickliche Figur für erheiternde Szenen. In „Das Karapata-Reservat“ ist dann ein Geheimbund am Werk, dessen Kopf erst anonym bleibt, ehe er dem Helden gegenübersteht. Beide Abenteuer-Geschichten, so unterschiedlich sie auch sind, sind damit echte „Charliers“ und wissen bestens zu unterhalten.

Bleibt die Frage: Wer ist Herbert, der Zeichner? Der Belgier Herbert Geldhof, der wahrscheinlich nicht nur mir bisher völlig unbekannt war, lebte und arbeitete vor seiner Comic-Karriere tatsächlich in Belgisch-Kongo und war damit prädestiniert für das Dschungel-Sujet. Sein Comic-Schaffen währte relativ kurz, nämlich von 1959 bis 1971. Eine genaue Auflistung seiner Veröffentlichungen ist in dem Band enthalten.
Sein realistischer Zeichenstil (die beiden Simba Lee Storys wurden vom Studio Leonardo neu koloriert) ähnelt dem seiner Kollegen Jijé, Eddy Paape oder Victor Hubinon, ist dabei aber kantiger, wobei er seine Panels gerne mit stimmigen Tierzeichnungen atmosphärisch betont. Geldhof starb 2007. Der ausführliche, zweiteilige Sekundärteil mit zahlreichen Abbildungen (siehe links eine Farbseite aus dem Spirou Magazin) gibt wieder tiefe Einblicke in das damalige Comic-Geschehen rund um das Spirou-Magazin, die Serie „Simba Lee“ und deren Schöpfer. Ein weiterer Band mit unbekannten Charlier-Werken ist in Vorbereitung. (bw)
Jean-Michel Charlier präsentiert, Band 2: Simba Lee
Text & Story: Jean-Michel Charlier
Bilder: Herbert, Studio Léonardo (Farben)
128 Seiten in Farbe, Hardcover
Blattgold GmbH / Zack Edition
39 Euro
ISBN: 978-3-949987-83-0