
Artur Aldomà Puig? Nie gehört? Dabei hat der spanische Zeichner mit einem der größten Szenaristen der Neunten Kunst zusammengearbeitet, nämlich mit Jean-Michel Charlier, berühmt durch Serien wie „Blueberry“, „Der Rote Korsar“ oder „Buck Danny“. Aber Charlier hat neben diesen weidlich bekannten Klassikern und Dauerbrennern auch noch weit mehr geschrieben, was heute weit weniger bekannt ist (v.a. im deutschsprachigen Raum) und was aus verschiedensten Gründen nicht den gleichen Klassiker-Status innehat, wie die genannten Reihen. Dazu zählt auch „Brice Bolt“, eine Serie, die es nur auf zwei Geschichten, bzw. Alben brachte, die eben von jenem Artur Aldomà Puig gezeichnet wurde und die in den Jahren 1969 bis 1972 für das Magazin Spirou entstand.
Brice Bolt, der Held der Reihe, ist der Starreporter der Pariser Zeitung L’Éclair. Ein Blatt, das wir bereits kennen, für das auch ein junger Journalist namens Marc Dacier tätig war. Und tatsächlich war Brice Bolt ursprünglich als ein Marc Dacier Album geplant (die Reihe erscheint bei uns im All Verlag, bisher sind sechs Bände veröffentlicht), mit Puig als neuem Zeichner, nachdem Eddy Paape die Serie verlassen hatte. Doch Puigs Zeichenstil und v.a. seine Kolorierung unterschied sich fundamental vom Stil Paapes, weshalb Charlier die Story umschrieb und eine neue Figur, quasi als Marc Dacier Variation, erdachte, die ebenfalls als Reporter für die Zeitung arbeitet, die um einiges erwachsener daherkommt und die damit eher Recken ähnelt wie Bruno Brazil oder Andy Morgan.
Zur Story: In Paris herrscht Nachrichten-Flaute. Nur die aktuelle Hitzewelle bestimmt die Schlagzeilen, sonst ist gerade nichts los (welch herrliche Zeiten). Beim Éclair sucht man krampfhaft nach neuen Aufmachern, als aus der Südsee eine Pressemitteilung eintrudelt: Die Pazifik-Insel Rotuma wurde von Riesenkrabben heimgesucht, tonnenschwer, mit zwei bis drei Metern Durchmesser. „Monsterkrabben – Alarm im Pazifik“ lautet dann auch gleich die willkommene Sommerloch-Schlagzeile, deren Wahrheitsgehalt freilich unbestätigt ist, weshalb man Brice Bolt zu jener abgelegenen Insel schickt. Auch das Konkurrenzblatt Clairon greift das Thema auf, wittert aber Betrug und entsendet den hauseigenen Reporter Luc Deferre ebenfalls Richtung Südsee, um den angeblichen Éclair-Schabernack zu enttarnen.

Komisch nur: Sowohl Bolt als auch Deferre müssen plötzlich mit diversen Widrigkeiten kämpfen, um ihre Reise überhaupt antreten zu können: Man verübt vermeintliche Anschläge auf die beiden, worauf man sich gegenseitig die Schuld gibt. Dennoch versucht Brice Bolt auf Umwegen sein Ziel, die Insel Rotuma, zu erreichen, gerät dabei aber erst einmal in die Revolutions-Wirren einer südamerikanischen Bananenrepublik. Schließlich erreichen die beiden Reporter, die inzwischen zusammenarbeiten, die Hauptstadt der Fidschi-Inseln, wo sie eine Passage nach Rotuma buchen wollen. Auch das scheint ein aussichtsloses Vorhaben zu werden, lehnen doch sämtliche Kapitäne und Schiffsbesitzer die Überfahrt kategorisch ab. Bis man auf Captain Mac Dougall stößt, jenen Seebären, der auch die Nachricht mit den Riesenkrabben in die Welt gesetzt hat…
Der Band, der erste aus der Reihe „Jean-Michel Charlier präsentiert“, die sich dem eher unbekannteren Werk des Autos widmet, beinhaltet beide Brice Bolt Abenteuer, ist also eine Gesamtausgabe. Samt reichlich Sekundärmaterial in zwei Dossiers, das sich natürlich der Entstehung der Geschichten widmet und damit auch dem Zeichner und vielseitigen Künstler Artur Aldomà Puig, der sich Mitte der 1970er Jahre vom Medium Comic verabschiedete und sich ganz der Malerei und v.a. der Bildhauerei zuwandte. Puig starb 2023 im Alter von 88 Jahren.
Der Auftakt namens „Der Archipel des Schreckens“ ist noch in typischer Charlier-Manier gehalten: Eine unbekannte, offenbar mächtige Organisation will die beiden Reporter unbedingt daran hindern, ihr Ziel zu erreichen. Wer dahinter steckt und aus welchem Grund, bleibt noch im Dunkeln. Im zweiten Teil, „Das Reich Satans“ getauft, geht Charlier dann in die Vollen und bedient sich dabei erstmals und einmalig phantastischer Elemente, inklusive – Achtung, kleiner Spoiler – Mad Scientist, mutierte Tiermonster, Altnazis, Weltherrschaft und James Bond Basis (die scheinbar verlassene Vulkaninsel kennen wir aus „Buck Danny“). Das Finale ist hoch explosiv und räumt gehörig mit der Story und ihren Figuren auf. Beste Charlier-Unterhaltung also.

Warum war dann der Reihe kein Erfolg beschieden? Das mag mehrere Gründe haben. Zum einen fehlt die komische Figur, eine Rolle die der Schotte Mac Dougall nur teilweise ausfüllt (im Gegensatz zu typischen Charlier–Sidekicks wie Jimmy McClure oder Sonny Tuckson, die für komische Momente zuständig sind). Vielleicht auch, weil der Held Brice Bolt, optisch eine Mischung aus Tunga und Raumagent Alpha, immer wieder von seinem Reporter-Partner Deferre in den Hintergrund gedrängt wird (Deferre ist Retter in der Not, vorausschauend und Torpedobauer in bester MacGyver-Manier). Vor allem aber wohl wegen der eigenwilligen Farbgebung mit viel Gelb- und Grüntönen oder monochromen Panels (siehe Beispielseite oben), die zwar ein Kind ihrer Zeit ist (Pop Art, psychedelisch), was die angestammten Spirou Leser aber wohl überforderte. Ein zweiter Band „Jean-Michel Charlier präsentiert“ mit dem Titel „Simba Lee“ ist bereits in Vorbereitung. (bw)
Jean-Michel Charlier präsentiert: Brice Bolt
Text & Story: Jean-Michel Charlier
Bilder: Artur Aldomà Puig
128 Seiten in Farbe, Hardcover
Blattgold GmbH / Zack Edition
39 Euro
ISBN: 978-3-949987-74-8