Sex Pistols (Panini) | Comicleser

Sex Pistols (Panini)

Juni 8, 2021

London Mitte der 70er Jahre: die Musikszene stagniert, der ehemals rebellierende Rock’n’Roll ergeht sich entweder in Plattheit oder in verkünsteltem Avantgardismus, der bestenfalls bekiffte Studenten mitreißt. In diesem Umfeld muss etwas geschehen – und so klauen sich die College-Kumpels Steve Jones, Paul Cook und Warwick Nightingale einfach Instrumente und Anlage zusammen, um ihr eigenes Ding zu machen, zu dem alsbald auch Glen Matlock als Bassist tritt. 1975 rekrutiert man dann mit einem gewissen John Lydon – dem man aufgrund seines horrenden dentalen Zustandes den klingenden Künstlernamen Rotten verpasst – einen ebenso räudigen wie rührigen Frontmann, der eigentlich nur zum Spaß vorsingt, aber den Zuschlag bekommt. Aufgefallen war der wilde Bursche dank einem verunstalteten Pink Floyd-T-Shirt, auf dem Lydon selbst „I hate“ gekritzelt hatte, dem umtriebigen Malcom McLaren, der mit seiner Partnerin Vivienne Westwood den S&M-Klamottenladen „Sex“ betreibt, aus dem sich die Band dann für ihre Outfits voller zerrissener Shirts, Ketten und Sicherheitsnadeln bedient.

McLaren schwingt sich zum Manager der Band auf und souffliert Lydon die Philosophie der Anarchie, die in Lydons ironisch-zynischen Texten fortan dominiert. Nach ersten Auftritten, unter anderem im „100 Club“, machen die Jungs mit aggressivem Auftreten und musikalischer Attacke derartig Furore, dass man sogar einen Plattenvertrag ergattert. Mit „Anarchy in the UK“ erscheint 1976 die erste Single, und die folgende PR-Tour avanciert vollends zum Showcase der Pistols-Provokationen. In der „Today“-Show mit Bill Grundy (zu der die Pistols nur eingeladen waren, weil die eigentlich vorgesehenen Queen aufgrund eines Zahnarzt-Termins von Freddie Mercury absagten) foppt der Gastgeber Gitarrist Steve Jones so lange, bis der eine ganze Serie von Kraftausdrücken von sich gibt, die im englischen Fernsehen am Nachmittag aber so gar nicht angehen. Die Plattenfirma wendet sich mit Grausen, aber der Ruhm der Pistols ist spätestens mit der Daily Mirror-Schlagzeile „The filth and the fury!“ gefestigt – die Punk-Bewegung rollt.

1977 übernimmt ein gewisser John Simon Ritchie, besser bekannt als Sid Vicious, vollkommen ohne instrumentalische Kompetenz den Bass vom in Ungnade gefallenen Glen Matlock. Rechtzeitig zum Golden Jubilee lancieren die Pistols im Mai 1977 dann ihren Geniestreich: mit „God Save the Queen“ feuern sie eine bitterböse Abrechnung mit jeglicher Form der Obrigkeitshörigkeit ab und geben diese auf einem Schiff in der Themse live zum Besten. Die Single wird zur meistverbotenen Scheibe Englands, was nichts daran ändert, dass sie an die Spitze der Charts stürmt (was man in der offiziellen Zählung allerdings ignoriert). Immer heftiger werden die Anfeindungen gegen die Meute und ihre Gefolgschaft, immer wilder werden die Exzesse vor allem von Sid, den seine neue Freundin Nancy Spungen mit dem Heroin bekannt macht, was zu seinem baldigen Untergang führen wird. Aber erst unternehmen die Pistols noch eine chaotische Tour durch die Südstaaten der USA, bevor dann im Oktober 1977 ihr erstes und einziges Album erscheint. Da ist die Kombo aber schon längst mitten im Zusammenbruch…

„Never mind the bollocks – here’s the Sex Pistols!“ Kaum eine Band hat es mit nur einem einzigen Album geschafft, der Musikwelt ihren bleibenden Stempel aufzudrücken. Natürlich musste Punk kurzlebig sein, zu simplistisch, zu selbstzerstörerisch und zu nihilistisch war der Ansatz, in dem nach dem Motto „Jeder kann was“ künstlerische Versiertheit nichts und Anarchismus alles war. Als Gegenbewegung gegen die in selbstverliebter Attitüde erstarrten Prog Rock-Institutionen wie Pink Floyd, Yes und auch Genesis (die noch weit weg von den späteren breitentauglichen Pop-Ausflügen in den 70ern mit Peter Gabriel in lustigen Tiermasken auftraten) war Punk ein gewaltiger Tritt ans Schienbein, der nötig, aber nicht in sich selbst tragend war. Die Motivation, die Hintergründe, die Abseitigkeiten, eben den ganzen Filth und Fury bringt Jim McCarthy (der in Musiker-Biographien durchaus bewandert ist, wie z.B. „Godspeed: The Kurt Cobain Graphic“ oder „Eminem: In My Skin“) in dieser dichten Graphic Novel schlaglichthaft zum Vorschein.

Zentrale Momente des Aufstiegs und Falls dieser so chaotischen wie einflussreichen Kombo kommen zu Ehren, vom ersten Vorsingen (bei dem Lydon den Alice Cooper-Hit „I’m Eighteen“ zu Gehör bringt, weil sonst nichts in der Jukebox läuft) über die skandalträchtigen Auftritte, bei denen es gerne auch mal zu Handgemengen und wüsten Beschimpfungen des Publikums kommt (Jahre später lehnt Iron Maiden-Chef Steve Harris immer noch jede Tendenz, seine Band könne vom Punk-Sound beeinflusst worden sein, brüsk ab, mit der Begründung, das sei alles nur rüpelhafte Spuckerei gewesen) bis hin zum legendären Auftritt in der „Today“-Show und natürlich dem Hype um die Bootsfahrt auf der Themse. Die Auflösungserscheinungen zeigen sich ebenso alsbald, und vor allem Sid Vicious erscheint unaufhaltsam auf seiner Höllenfahrt, die letztlich auch Lydon von seinem alten Kumpel entfremdet. Malcom McLaren gibt sich als Mentor und Mastermind, witterte letzten Endes aber wohl nur eine gute Geschäftschance, weshalb er sich mehr und mehr mit Lydon verkrachte, aus dessen Sicht die ganze Chose erzählt wird. Ganz am Ende durchwandet ein desillusionierter Lydon das moderne London und wirft dem Leser gewohnt pissig an den Kopf: es ist noch viel schlimmer gekommen, als wir Euch das gesagt haben – und Ihr Deppen lasst das auch noch mit Euch machen.

Steve Parkhouse, der auch schon an Neil Gaimans „Sandman“ beteiligt war,  inszeniert das Ganze passend ruppig, in expressiver Farbgebung, gerne mit Totalen vor allem des kreischenden Rotten. In den Szenen der Verzweiflung um den immer weiter abrutschenden Vicious dominieren dann schwarze Schattenrisse, die die Einsamkeit und Getriebenheit der Figur transportieren. Nach der Lektüre wundert man sich in der Tat, dass außer Vicious alle Mitstreiter überlebt haben und es im neuen Jahrtausend sogar zu diversen Reunions kam, die durchaus vielbeachtet waren – die Legende lebt also jenseits von Hommagen und Coverversionen (unter anderem kredenzen uns auch Megadeth und Mötley Crüe jeweils Fassungen von „Anarchy in the UK“) weiter. Bei Panini erscheint das Bändchen, das im Original schon 2011 erschien, hübsch aufgemacht als Hardcover. Und ach ja, der berühmte Plattentitel heißt nichts anderes als „Pfeif auf den ganzen Quatsch“ – Nebenbedeutungen durchaus ebenfalls erwünscht. (hb)

Sex Pistols – Die Graphic Novel
Text: Jim McCarthy
Bilder: Steve Parkhouse
100 Seiten in Farbe, Hardcover
Panini Comics
19 Euro

ISBN: 978-3-7416-2172-7

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