Joker: Killer Smile (Panini) | Comicleser

Joker: Killer Smile (Panini)

Juni 2, 2021

Idealismus ist ja eigentlich eine feine Sache. Aber wenn Insassen des Arkham Asylum im Allgemeinen und ein gewisser Spaßmacherclown im Besonderen im Spiel sind, sollte man Vorsicht walten lassen. Aber der Psychiater Dr. Ben Arnell schlägt alle Warnungen in den Wind und unternimmt doch tatsächlich den Versuch, den Joker zu heilen – auch wenn daran schon illustre Vertreter seiner Zunft gescheitert sind, am prominentesten vielleicht eine gewisse Frau Quinzel, die ihrerseits als derangierte Witzfigur endete. Auch Arnells Sitzungen mit dem grünhaarigen Killer verlaufen alles andere als glatt: immer mehr dringt der Joker in den Geist seines Kontrahenten ein. Der findet sein Heil immerhin noch in seiner Familie, aber auch zu Hause legt Arnell zunehmend seltsame Verhaltensweisen an den Tag. Er liest seinem Sohn ein durchaus gewalttätiges Kinderbuch namens „Mr. Smiles and the happy Village“ vor, in dem ein mörderischer Clown harmlose Dorfbewohner meuchelt – ein Schelm, wer Verrücktes dabei denkt.

Als ihn der Joker dann damit konfrontiert, dass der Wahnsinnige bestens über die Familienverhältnisse Arnells informiert ist und sogar die Namen seiner Frau Anna und seines Sohns Simon kennt, eskaliert die Lage. Er brauche nur noch ein paar Tage mehr als die vereinbarten drei Wochen, erklärt er der Chefin, die ihn dann aufklärt: er behandelt den Joker seit drei Jahren, seine Familie hat ihn längst verlassen. Rasend findet Arnell tatsächlich nur noch eine leere Wohnung vor, und sein grinsender Counterpart bietet ihm einen Deal an: wenn er ihm zur Flucht verhilft, verrät er ihm den Aufenthaltsort von Frau und Kind. Arnell sieht sich zur finsteren Seele hingezogen, legt selbst Clowns-Makeup auf und inszeniert eine Massenpanik, in der der Joker entwischt – was auch Batman nicht verhindern kann, den der Joker als den „Mister Mürrisch“ aus dem Kinderbuch identifiziert. Der Joker entfesselt in der Folge eine Mordserie, während der ihn verfolgende Batman auch selbst immer tiefer in den Sumpf aus Psychoterror gezogen wird, der schließlich auch seine Wahrnehmung der Realität erschüttert…

„Es gibt zwei Welten. Aber was passiert, wenn du nicht mehr weißt, in welcher du lebst?“ Das Spielfeld der DC-Untermarke Black Label, in dem sich Kreativteams nach Lust und Laune jenseits aller Kontinuität austoben können, bietet dem aktuelle Dreamteam Jeff Lemire und Andrea Sorrentio (in aller Munde nicht zuletzt durch die furiose Reihe „Gideon Falls“) alle Freiheiten, um rund um diese zentrale Frage ein sinnverwirrendes Vexierspiel um Identität, Versuchung und Realitätsverlust zu inszenieren, dass es durchaus mit der buchstäblichen Höllenfahrt in „Batman: Damned“ aufnehmen kann. Die Ausgangsbasis – ein Psychiater versucht vergeblich, den Joker zu heilen – kennen wir zur Genüge als Origin von Harley Quinn, das Motiv „The lunatics have taken over the asylum“ wird hier von Lemire gekonnt variiert, und der vollständige Realitätsverlust des Protagonisten, der zu Hause schon längst mit nur noch imaginierten Gesprächspartnern parliert, liefert eine sehr kluge Referenz auf den Kino-Joker, dessen angebliche Romanze sich als reines Konstrukt seiner regen Einbildung entpuppt (wie auch die Szenen im verlassenen Fernsehstudio durchaus an den pechschwarzen Joker-Leinwandausflug erinnern).

Was Lemire hier zusätzlich voll ausspielt, ist sein Faible für modernen Gothic Horror: auch graphisch abgesetzt (die Auszüge erscheinen jeweils in einer Art pervertierter Märchenbuch-Manier) dringt in Form des perfiden Kinderbuchs vom „Mister Grins“, der auch das neugierige Kaninchen tötet und nur von „Mister Mürrisch“ gestellt werden kann, die kranke Innenwelt des Jokers in den arglosen Arzt ein, der tief in seinem Wesen ähnliche Abseitigkeiten entdeckt (eine mehr als düstere Anspielungen auf die lustigen „Mr. Men“-Bücher von Roger Hargreaves, wo es zwar keinen Mr Smiles, aber einen Mr Grumpy gibt). Gerade als die Geschichte sich dann zum Ende zu neigen scheint, kippt der Aufmerksamkeitsfokus auf einen jungen Bruce Wayne, der in die Geschehnisse um die Herren Grins und Mürrisch irgendwie genauso verwickelt scheint und dann – spoiler ahead – als Erwachsener selbst in Arkham landet, unter der Beaufsichtigung von Psychiater (!) Gordon, der seine Psychose als vermeintlicher Superheld heilen will.

Elseworlds-Multiversums-Konzepte also, wie man sie von Lemire bestens kennt – und Hugo Strange lässt grüßen. So entsteht ein schockierender, immer herausfordernder Reigen, in dem Jeff Lemire seine volle Imaginationswucht aufwendet und auch gekonnt auf die Bat-Historie verweist: zahlreiche andere Arkham-Insassen, wie etwa Two-Face oder Killer Croc, geben sich die Ehre, und als Inspiration für eine der zentralen Missetaten des Jokers baut Lemire eine Hommage an die klassische Joker-Story „The Laughing Fish“ aus Detective Comics 475 von 1978 ein. Ein absoluter Leckerbissen aus der mittlerweile umfangreichen Black Label-Reihe, die immer wieder neue Ausrufezeichen setzt. Der vorliegende, großformatige Hardcover-Band enthält die Originalausgaben „Joker: Killer Smile 1-3“ und „Batman: The Smile Killer 1“. Auch die auf 555 Exemplare limitierte Variante des Bandes ist noch erhältlich. (hb)

Joker: Killer Smile
Text: Jeff Lemire
Bilder: Andrea Sorrentino
156 Seiten in Farbe, Hardcover
Panini Comics
29 Euro

ISBN: 978-3-7416-2235-9

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