The Department of Truth, Band 5 (Splitter) | Comicleser

The Department of Truth, Band 5 (Splitter)

Oktober 20, 2026
The Department of Truth, Band 5: Was dein Land für dich tun kann (Splitter Verlag)

Unzuverlässige Erzähler sind immer mit Vorsicht zu genießen, vor allem, wenn sie im Department of Truth angesiedelt sind und Lee Harvey Oswald heißen. Der nämlich präsentiert dem staunenden Agent Cole seine ganz eigene Version von politischen Wendepunkten: 1963 in Dallas habe ihm nämlich die Frau in Rot mit den ausgekreuzten Augen die Waffe aus der Hand genommen und selbst geschossen. Den Ausgang nimmt die Malaise 1958, als ein junger Oswald, der allzu gerne irgendetwas von Bedeutung vollbringen würde, nach Nevada entführt wird, genauer gesagt in die sagenumwobene Area 51. Dort nimmt ihn der Filmregisseur Frank Capra in Empfang, der mit seinem Propaganda-Werk „Why We Fight“ die Aufmerksamkeit von Truman erregt hat, der ihn prompt zum Chef des brandneuen Department of Truth macht.

Das Department soll eine bessere Version der USA schaffen, basierend auf der Theorie, dass fester Glaube die Realität formt, was sich schon Hitler zu Nutze machen wollte, in dessen Sammlung okkulter Werke das feindliche Russland auch Darstellungen der mysteriösen roten Frau findet, die stets bei einschneidenden historischen Momenten auftritt. 1960 finden wir Oswald als Agent in der UdSSR, der herausfinden soll, was genau die Gegenseite weiß, die mit ihrem Department of Lies unter der Führung des Filmemachers Dsiga Wertow eine alternative Realität schafft.

1962 holt ihn Capra zurück und beauftragt ihn einer heiklen Mission: der Hoffnungsträger John F. Kennedy erzählt aus Sicht des Department die „falsche Geschichte“, die liberale Morgendämmerung stört das konservative Weltbild: ein erstarkendes Kuba, die aufkeimende Bürgerrechtsbewegung und die von der Gegenseite erfolgreich materialisierte McCarthy-Mythos der Kommunisten unter jedem Bett lassen den Nimbus der USA als beste aller Welten wackeln und machen Kennedy zur Zielscheibe des Department, das er auch noch abschaffen will.

Alles kulminiert am 22. November 1963, als die rote Frau Kennedy erschießt und dem staunenden Publikum die Täterschaft Oswalds suggeriert wird, dessen Platz von einem Unbeteiligten eingenommen wird, der durch den Glauben der ganzen Welt zu Oswald wird, der im Archiv des Departments verschwindet… In „Abweichung“ spannt sich zeitlich parallel gelagert das Schicksal einer gewissen Marilyn Monroe auf, die immer weniger zwischen Realität und Lüge unterscheiden kann und sich ans Department wendet…

Nach einer eher losen Episodenfolge in Band 4 tanzt James Tynion IV. mit dieser Storyline nun weiter auf dem Rasiermesser zwischen Faszination und Entlarvung von Verschwörungstheorien. Lag die brillante Grundprämisse der Serie im Konzept, dass nur genügend Aluhüte an die Flach-/Hohl- oder sonst welche Erden, Ufos oder Bigfoots glauben müssen, damit diese Figmente in die Realität treten, schlägt Tynion nun wie schon in den letzten Episoden eher direkt in die Verschwörungskerbe und sucht sich mit der Ermordung von JFK gleich die Mutter aller conspiracy stories aus.

Dass Lee Harvey Oswald eher weniger als „lone gunman“ in Frage kommt, das hat uns Kevin Costner im Kino ja schon ausführlich dargelegt, und auch die Idee, dass die Mondlandung eine reine Filminszenierung war, kommt wieder ans Zwielicht. Immer deutlicher konzentriert Tynion sich allerdings auf eine faszinierende Interpretation der suggestiven Macht des Kinos: die Großmächte beauftragen bezeichnenderweise Filmregisseure mit der Erschaffung der gewünschten Realität – auf der einen Seite steht das „saubere“, moralische und trotz aller Rückschläge zuversichtlichen Amerika eines Frank Capra (dessen legendäre feelgood-Werke wie „Mr Smith Goes to Washington“ oder „It’s a Wonderful Life“ hier als Kapitelbezeichnung dienen), auf der anderen liefert Dsiga Wertow mit seinen teils experimentellen, teils dokumentarischen Filmen (u.a. „Der Mann mit der Kamera“ oder „Drei Lieder über Lenin“) das kommunistische Pendant.

Über allem steht die „Geschichte“, die erzählt werden soll, also das, was auch in der aktuellen politischen Debatte als „Narrativ“ auch zunehmend in die Realität überschwappt: Wertow ist gar nicht an einer Annäherung an Kennedys Amerika interessiert, er braucht die USA als Kontrahent, um seine Vision der neuen Weltordnung dagegen absetzen zu können. In der kleinen Coda „Abweichung“ ergänz Tynion dann eine kluge Reflexion über die persönlichen Auswirkungen der Traumfabrik: Marilyn Monroe hatte zwar nie eine Affäre mit JFK, aber in ihr Bewusstsein dringen immer mehr Erinnerungsfetzen ein, die genau das nahelegen – zu groß ist der Glaube des staunenden Publikums, dass an den Gerüchten doch etwas dran sein muss, was die Sache letztlich real macht.

Auch die ganze Persona Marilyn erscheint als von der Filmbranche künstlich erschaffen, Norma Jean Baker als Person ist vollkommen verschwunden – ein Star ist nichts als ein Kunstprodukt, das der FBI-Agent Huck im Auftrag von Frank Capra beobachten und notfalls aus dem Verkehr ziehen soll – als Huck die Sache durchschaut, ist es längst zu spät. Diese kleine, eher nachgeschobene Episode ist der eigentlich Star dieser Ausgabe, die wie immer in der Hand von Martin Simmonds auch optisch mit fieberhaften Collagen, atmosphärischen Darstellungen und in den historischen Rückblenden mit einer betont variiertem Gestaltungsstil glänzt. Die vorliegende Ausgabe bringt die US-Hefte Department of Truth 23 bis 27. (hb)

The Department of Truth, Band 5: Was dein Land für dich tun kann
Text & Story: James Tynion IV.
Bilder: Martin Simmonds
128 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
25 Euro

ISBN: 978-3-98721-106-5

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