
Siebzehn – so viele Jahre jagt der Journalist Sanz nun schon den geheimnisvollen Serienmörder, der im Spanien der Franco-Diktatur sein Unwesen treibt. Die Leichen finden sich immer in bühnenreifer Inszenierung, wie er mit seinem Kompagnon, den Fotografen Lenoir, den er stets „Gabacho“ nennt, herausfindet. Als Sanz die Bilder der Tatorte nebeneinanderlegt, entdeckt er dabei Gegenstände, die Buchstaben symbolisieren und eine Botschaft ergeben: „Amigo, no somos nadie“ – „Freund, wir sind 0“, diesen kryptischen Hinweis liest Sanz aus den Bildern. Als man in einem Autokino erneut eine Leiche auffindet – arrangiert mit 17 Stühlen, für 17 Jahre der Jagd – bekommt man den Täter, der noch vor Ort ist, beinahe zu fassen, der schnappt sich allerdings die Tochter des Polizeiarztes als Geisel, haucht ihr ins Ohr „Wir sind null, ihr noch viel weniger“ und sucht das Weite.
Als Sanz und Lenoir den Wohnort des Opfers, eine Prostituierte namens Consuela, aufsucht, kommen die beiden in Kontakt mit der harschen Realität des Regimes: aufgrund der grassierenden Wohnungsnot hausen Arbeiter und ihre Familien vor den Toren von Madrid regelrecht in Höhlen, den Cuevas, für die auch noch Wuchermieten fällig werden. Gleichzeitig beginnt eine weitere Mordserie: in einem Kino findet sich der erstochene Geistliche Padre Pitarch, dem man eine Filmrolle in den Mund gestopft hat. In den Wirren des Polizeieinsatzes bringt Lenoir den Filmstreifen an sich, der eine brisante Situation zeigt: Pitarch gab sich bei einer Party offenbar ein Stelldichein mit einer Dame, und weitere Gestalten zeigen sich bei mehr als zweifelhaften Avancen mit einem Kind.
Bei einem rauschenden Empfang für Politik und Vertreter der US-Filmbranche, die in Spanien billige Produktionsstätten und Arbeitskräfte finden, kommt es dann zum Eklat: Pitarch, oberster Film-Zensor der Kirche, hatte einen Film des Realisten Quiros verboten, der sich publikumswirksam umbringt, was natürlich vertuscht werden soll. Mehr und mehr tauchen Lenoir und Sanz in die Machenschaften rund um die Filmwelt ein: Pitarch nannte ein Privatkino sein Eigen, seine Kumpane der Produzent Sixto Peralta und Pitarchs Schwager veranstalteten Partys, um armen jungen Mädchen gegen entsprechende Gegenleistungen kleine Filmrollen zu verschaffen und sich selbst dabei zu bereichern. Von dieser Geschichte scheint nun irgendjemand Wind bekommen zu haben, der die Beteiligten wahlweise erpresst oder ermordet. Alsbald kommt es zu einer neuen Tat: in einem Kino findet man die Leiche des Produzenten Peralta, wieder mit Filmrollte und Erpresserbrief in der Hand…
Ein inhaltlicher Abriss des zweiten Bandes der Reihe von Teresa Valero kann nur an der Oberfläche kratzen – zu wuchtig ist die Menge von Details, Lokalkolorit, historischen Hintergründen, psychologischen Verstrickungen und Handlungssträngen, die die Dame in ihrem Epos über das Spanien der 50er Jahre erneut aufreißt. Die Jagd nach den mittlerweile zwei Serienmördern bildet dabei nur den groben Faden, an dem sich die eigentlichen Themen des umspannenden Werks entlangreihen: da ist die Entwurzelung der Individuen, verkörpert im heimatlosen Lenoir, der bei seinem Onkel wohnt, Elvis hört und zwischen Spanien und Frankreich geistert, und dem Falangisten Sanz, der immer noch gegen Kommunisten kämpft, aber von den faschistischen Herren ebenso abgestoßen wird.
Die harte Hand des Regimes zeigt sich in sadistischen Polizei-Einsätzen und umfassender Zensur: Filme werden bis zur Unkenntlichkeit umsynchronisiert, um dem vorherrschenden Moralbild zu entsprechen, in zulässige Klassen eingeteilt (worauf sich auch der Titel des Bandes, „Für Erwachsene, mit Vorbehalt“, bezieht) oder einfach gleich verboten. In der heimischen aufblühenden Filmindustrie lockte man in der Tat US-Produktionen, die von exotischen Schauplätzen und billigen Darstellern profitierte – und produziert auch gerne mal zwei unterschiedliche Versionen des gleichen Films, einmal züchtig für Spanien und einmal freimütig für die USA. Franco selbst erscheint dabei als selbstverliebter Geck, der sich regelmäßig Filme vorführen lässt und sich vor allem selbst bei seinen Auftritten in den Wochenschauen gefällt.
Harsche Sozialkritik, Mietwucher – nicht zuletzt durch dubiose Immobiliendeals des Franco-Clans -, Kinderschicksale, alles stürzt hier auf den Leser ein, kaum vermag man alles aufzunehmen, was vielleicht ein einziges kleines Manko ist: die Vielzahl der Themen und Motive wirkt nahezu übermächtig. Aber das ist ein kleiner Punktabzug, der angesichts der Wucht der Darstellung – leicht stilisiert, aber durchaus auch drastisch und ungeschminkt – nicht ins Gewicht fällt. Bei Splitter erscheint der Band auf 192 Seiten mit einem faszinierenden Nachwort, in dem man die historischen Hintergründe der Story nochmals näher nachvollziehen kann. Der abschließende Band der Trilogie ist in Vorbereitung. (hb)
Contrapaso, Band 2: Für Erwachsene, mit Vorbehalt
Text & Bilder: Teresa Valero
192 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
35 Euro
ISBN: 978-3-68950-121-1