Blutsauger (Carlsen) | Comicleser

Blutsauger (Carlsen)

Mai 7, 2026
"Blutsauger" von André Breinbauer (Carlsen Comics)

Morbid geht es ja immer zu in Wien, aber als die junge Hannah Traindl auf dem Heimweg von einer dunklen Gestalt verfolgt wird, geht ihr das doch ein wenig zu weit: irgendwie wie Batman sieht der Typ aus, mit einem Umhang mit Stehkragen. Reichlich entsetzt stellt Hannah fest, dass der Finsterling in ihrem Haus direkt über den Gang wohnt. Am nächsten Morgen scheint der Spuk vorbei, aber da kommt Unheil anderer Art: drei saubere Herren stellen sich als die neue Hausverwaltung vor, eine große Wohnbaugesellschaft hat das Haus übernommen und muss nun angeblich Sanierungsmaßnahmen durchführen. Weil das doch etwas unbequem wird, soll Hannah doch einfach ihren Mietvertrag kündigen, kleine Prämie inklusive.

Das lehnt Hannah, die von ihrer Großmutter einen günstigen Mietvertrag übernommen hat, erst einmal dankend ab, während die feinen Herren grummeln, den Nachbarn namens „Herr Fürst“ treffe man irgendwie niemals an. Als Hannah mit ihrem Freund Markus abends in eine Live-Aufführung des Stummfilm-Klassikers Nosferatu geht, zeigt sie sich schockiert: der Protagonist Max Schreck sieht ihrem Nachbarn täuschend ähnlich, worauf sie die Vorstellung fluchtartig verlässt. In einer kleinen Buchhandlung deckt sie sich mit Material zu Vampiren ein und liest zuerst einmal die literatische Vorlage des Murnau-Films, den Roman Dracula von Bram Stoker.

Im Haus gehen weiter seltsame Dinge vor: auf dem Dach krabbelt eine finstere Gestalt umher, Fledermäuse hängen in den Dachsparren, die Mülltonnen verschwinden, und die Nachbarin Frau Markovic verstirbt plötzlich. In der U-Bahn sieht Hannah den geheimnisvollen Nachbarn wieder, folgt ihm in einen Bierkeller und stellt entsetzt fest, dass er auf dem Handy-Foto, das sie als Beweis machen will, nicht zu sehen ist. Als Hannah sich zunehmend fragt, ob sie sich alles nur einbildet, nimmt der Terror andere Gestalt an: windige Gesellen bringen Schmierereien im Haus an, sie findet eine tote Ratte und flieht in die Wohnung von Herrn Fürst. Als die Hausverwaltung immer rabiatere Methoden an den Tag legt, stellt sich langsam heraus, wer hier die wahren Monster sind…

„I never drink wine!“ Dieses legendäre Zitat des ersten Ton-Dracula Bela Lugosi wirft Markus der verdutzten Hannah an den Kopf, die berichtet, Herr Fürst nähme grade „A Glaserl Roten“ zu sich: das kann da ja wohl kein Vampir sein, so seine These. So baut André Breinbauer in seiner amüsant-grusligen Graphic Novel gekonnt Motive aus dem reichhaltigen Fundus literarischer und filmischer Vampire zusammen, die – scheinbar – im Wien der Neuzeit ihr Unwesen treiben. Ganz vorne steht dabei natürlich der mehrfach erwähnte Nosferatu, jene inoffizielle Dracula-Verfilmung, die Friedrich Wilhelm Murnau 1921 auf die Welt losließ.

Herr Fürst wirft den ikonischen Schatten, den wir aus dem Film kennen und sieht auch sonst aus wie Max Schreck persönlich (der ja bekanntlich selbst ein Vampir war, natürlich, so zu bestaunen im hübschen Film „Shadow of the Vampire“). Die Filmaufführung erleben wir minutiös in kongenial nachgestellten Szenen von Hutters (Harkers) Auftrag, Graf Orlok (Dracula) eine Immobilie in Wisborg zu verscherbeln, bis hin zu seinem Aufeinandertreffen mit dem Grafen, wobei sogar die Viragierung, also die monochrome Einfärbung der Stummfilmsequenzen nach jeweiliger Atmosphäre, originalgetreu nachgebaut ist.

Der stilisiert-funny-cartoonhafte Duktus fügt sich mit atmosphärischen Szenen zu einem wunderbar gesamthaften Lecker“bissen“. Dazu gibt es eine gute Portion Literaturgeschichte, als die Buchhändlerin Hannah aufklärt, die Quelle von Murnaus Film sei der Roman von Bram Stoker, für den man keine Rechte hatte und deshalb kurzerhand eine leicht kaschierte Raub-Adaption fabrizierte, aber das sei nicht der erste Vampir-Roman – diese Ehre kommt schon eher „Carmilla“ (1872) von Sheridan Le Fanu zu, und auch eine historische Darstellung der Gräfin Bathory, die gerne mal in Blut badete, nimmt sich Hannah als Lektüre mit.

Dazu streut Breinbauer mehrseitige Auszüge aus dem Stoker-Roman, wie etwa die Tagebuch-Notizen vom ersten Treffen Harkers mit Dracula oder Passagen aus dem Logbuch des Kapitäns der Demeter, jenem Schiff, auf dem Dracula nach London reist. Dass die – eigentlich so gar kein Spoiler ahead – eigentlichen titelgebenden Blutsauger natürlich nicht irgendwelche Gruselwesen, sondern die rabiat vorgehenden Immobilienhaie sind, die Mieter mit günstigen Altmietverträgen aus den Objekten drängen, um diese zu Luxuswohnungen sanieren und dann zu astronomischen Preisen zu vermieten, das gibt dem ganzen einen politisch-aktuellen Touch.

Über die Praktiken der ungezählten XY-Real Estate-Konzerne mag man geteilter Meinung sein, die reichlich eindimensionale Tirade im Nachwort, die Konzepten wie Vermögenssteuer und Mietpreisdeckelbremsen undifferenziert das Wort redet, macht die Sache dann doch zu einfach und zu blutleer (sic). Da freuen uns doch lieber an der feinen Grusel-Hommage, in der eine Nosferatu-Gestalt vor dem „Steffl“ umhergeistert, jede Menge Wiener Schmäh auch in der Sprache vorherrscht und die Schatten wirkungsvoll umherspuken. Und so könnte man mit Nosferatu ausrufen: „nie beiß ich mehr in Wien – Wien hat mi gar ned verdient!“ (hb)

Blutsauger
Text & Bilder: André Breinbauer
248 Seiten in Farbe, Hardcover
Carlsen Verlag
28 Euro

ISBN: 978-3-551-80751-9

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