
Spanien 1943. Das Land wird inzwischen vom faschistischen Diktator Franco regiert, der siegreich aus dem verheerenden Bürgerkrieg hervorging, der 1939 endete. Angesichts des Zweiten Weltkriegs wahrt man offiziell Neutralität, unterstützt aber unter der Hand die Achsenmächte. Auf dem Land jedoch, wie hier in Andalusien, kämpfen noch immer republikanische Guerilla Gruppen im Untergrund (die man Maquis nennt) gegen das faschistische Regime und seine Schergen in der Guardia Civil.
Als der junge Manolo, dessen Familie den Republikanern zugeneigt ist, vor Gleichaltrigen fliehen und sich verstecken muss, gelangt er zufällig in eine verborgene Kammer und macht dort einen Fund, der ihn prägen wird. Derweil steht die Familie von Isabel, zu der Manolo zarte Bande knüpft, unter massivem Druck. Denn der Bruder von Isabels Vater Carlos Solana ist der Anführer der hiesigen Guerillakämpfer und die Obrigkeit in Person des skrupellosen Sargentos fordert von ihm dessen Aufenthaltsort. Gewaltsam und ohne Gnade…
Claudio Stassi, ein gebürtiger Italiener, der in Spanien lebt und der gerade beim Comic-Salon in Erlangen zu Gast war, ist für dieses Buch als Autor und Zeichner verantwortlich. Seine hiesige verlegerische Heimat hat er inzwischen in der Zack Edition von Blattgold gefunden (in „Die Stern Bande“, bereits 2014 bei Panini veröffentlicht, befasst er sich ebenfalls mit einem historischen Konflikt). Hier erscheinen sein Band über Michel Vaillants Vater Henri („Henri Vaillant – Ein Leben voller Herausforderungen“) und der Reboot der Rennfahrerin Julie Wood, ebenfalls aus dem Vaillant-Kosmos. Dass Stassis Repertoire über klassische Zack-Heldinnen und Helden hinausgeht, stellt er mit „Rupública“ eindrucksvoll unter Beweis, erzählerisch wie auch visuell.
Zwei Familien stehen im Mittelpunkt seiner Geschichte, die von Manolo und die von Isabel. Beide sympathisieren mit den Republikanern, mehr oder weniger offen und setzen sich damit der andauernden Gefahr aus, selbst verfolgt oder verhaftet zu werden. Eine Furcht, die sich bald als erschreckend real erweisen sollte. Denn im Dorf hat der Sargento das Sagen, ein sadistischer, Franco-treuer Faschist, der auch über Leichen geht. Wie tief die ideologischen Gräben im Dorf sind, muss bereits der junge Manolo schmerzhaft feststellen, der immer wieder von Gleichaltrigen drangsaliert wird, die Franco verherrlichen.
Wie jüngst „Kriegsfotografen“ (bei Splitter erschienen) befasst sich „Rupública“ mit dem Spanischen Bürgerkrieg und/oder dem nachfolgenden Franco-Regime, das bis zum Tode des Diktators 1975 bestand (andere Comics zu dem Thema sind „Contrapaso“, „Max Friedman“ von Vittorio Giardino oder „Doppel 7“ von Yann und André Juillard). Der Clou an der – was die Charaktere betrifft – fiktiven Story ist die reale Wiederentdeckung des verborgenen Raumes im Jahr 2008 und damit auch der historisch wichtige Fund eines verschollen geglaubten Films. Dieser spielt in dem Band eine wichtige Rolle, ehe er wieder für über 60 Jahre verschwinden wird.

Während Claudio Stassi bei Vaillant und Julie Wood einen eher klaren, klassisch franko-belgischen Strich pflegt, nimmt er sich hier mehr gestalterische Freiheiten, die er auch gekonnt als Stilmittel einsetzt. Beispiele: der Vater, der den eigenen Sohn züchtigen muss, um damit noch Schlimmeres zu verhindern – man „sieht“ nur den Schmerz des Jungen, der sich in den Folge-Panels ganz in Schwarz auflöst. Dann die Darstellung von roher Gewalt, die sich in überdimensionalen, dann auch skizzenhaften rohen Panels Bahn bricht. Oder die nur im Kopfe des Lesers stattfindet, da Stassi anstatt einer Hinrichtung einen aufgescheuchter Vogelschwarm zeigt. Auch die Farbgebung ist außergewöhnlich und atmosphärisch dicht: kaum bunt, eher monochrom, mit hellen und dunkleren Blau- und Grautönen.
Die Geschichte wird hart und unerbittlich erzählt – trotz ihres Mutes und ihrer Courage stehen die republikanischen Rebellen auf der Verliererseite. Dennoch hofft man. Aber erst mit dem Tod Francos 1975 setzte der Demokratisierungsprozess ein und Spanien wurde zu der parlamentarischen Monarchie, die wir heute kennen. Stassi packt den aussichtslosen wie tragischen Kampf der Republikaner in starke Dialoge („Was nützt uns die Vernunft, wenn wir unsere Menschlichkeit verlieren?“). All das beeindruckt.
Ach ja: Unter Manolos Fundstücken befindet sich neben dem besagten Film George Orwells „1984“. Das Buch erscheint aber erst im Jahr 1949… Im Anhang finden sich ein historisches Dossier, das natürlich den gefundenen Film thematisiert, sowie eine kleine Bildergalerie mit diversen Skizzen und Entwürfen. Der Band ist auch wieder in einer limitierten Vorzugsausgabe erhältlich (siehe rechts), mit alternativem Cover und gleich zwei signierten Drucken. (bw)
República
Text & Bilder: Claudio Stassi
160 Seiten in Farbe, Hardcover
Blattgold GmbH / Zack Edition
32 Euro
ISBN: 978-3-949987-84-7