Kriegsfotografen (Splitter) | Comicleser

Kriegsfotografen (Splitter)

April 22, 2026
Kriegsfotografen: Hans Namuth und Georg Reisner 1936 - 1940 (Splitter Verlag)

Barcelona, im Juli 1936. Die beiden Fotografen und Exil-Deutschen Hans Namuth und Georg Reisner wollen die sogenannte Volksolympiade in Bildern festhalten, eine Gegenveranstaltung zu den Olympischen Spielen in Berlin, als Protest organisiert von der linksgerichteten spanischen Regierung der Zweiten Republik. Trotz ihrer jungen Jahre sind Namuth und Reisner bereits etabliert, arbeiten sie doch für die französische Wochenzeitschrift „Vu“, die bekannt ist für aufwendige und qualitativ hochwertige Fotoreportagen. Unmittelbar vor der Eröffnungsfeier der Volksolympiade erfahren sie, dass sich die Kolonialarmee Spanisch-Marokkos gegen die bei vielen unbeliebte Republik erhoben hat. Schnell greift der aufständische Funke auf das Mutterland über – schon einen Tag später fallen Schüsse in Barcelona und bald im ganzen Land. Namuth und Reisner dokumentieren mutig das blutige Geschehen und werden so Zeugen des Beginns des spanischen Bürgerkrieges…

In Spanien standen sich damals zwei politische Lager unversöhnlich wie aggressiv gegenüber: die Republikaner mit der linksliberalen Regierung, erst seit Februar des Jahres an der Macht, und die rechten Nationalisten mit faschistischer Ideologie (die Falangisten) und dem Militär auf ihrer Seite. Was zu einer politischen Instabilität des ohnehin geschwächten Landes führte. 1936 eskalierte dieser schwelende Konflikt binnen kurzer Zeit vollends und mündete in einen Bürgerkrieg, in dem die Faschisten unter General Franco 1939 schließlich die Oberhand erlangten, nicht zuletzt auch mit militärischer Unterstützung von Nazi-Deutschland (u.a. mit der Legion Condor und der Bombardierung Guernicas). Francos Regime sollte bis zum Tod des Diktators 1975 bestehen bleiben. Auch in Comics wurde der Spanische Bürgerkrieg thematisiert – wie „Doppel 7“ von Yann und André Juillard oder „Max Friedman“ von Vittorio Giardino, um zwei Beispiele zu nennen.

Um näher am Kriegsgeschehen zu sein, beschließen Namuth und Reisner entlang der Frontlinie zu fahren, treffen und fotografieren bewaffnete Bauern, die sich den Faschisten entgegenstellen. Dabei geraten die beiden unter stundenlangem Beschuss und müssen unter Lebensgefahr fliehen, eine Passage, die in dem Band besonders eindringlich und intensiv geschildert wird: Auf einer Doppelseite spiegelt sich die Todesangst auf den Gesichtern der beiden Fotografen wider – nur ein Beispiel der originellen Seiten- und Panel-Komposition von Zeichner Titwane. Später reisen die beiden nach Madrid in die Hauptstadt, die von einer Anhöhe aus permanent beschossen wird. Längst haben sie die Hoffnung auf einen schnellen Sieg der Republikaner aufgegeben. Sie kommen im Hotel Florida unter, in dem auch bekannte Kriegsberichterstatter und Fotografen absteigen, wie Ernest Hemingway, Antoine des Saint-Exupéry oder Robert Capa (dessen Aufnahme „Der Tod des Milizionärs“ eines der berühmtesten Kriegsfotos überhaupt wird – und nebenher auch umstritten, was hier kurz angedeutet wird).

Insgesamt verbringen Namuth und Reisner sieben Monate in den Wirren des Bürgerkriegs. Entsprechend konsequent schildert Autor Raynal Pellecier das Geschehen ausschließlich aus deren (republikanischer) Sicht. Am Ende, als selbst die Republikaner unter sowjetischem Einfluss zerstritten sind und damit den Sieg der Faschisten begünstigen, müssen Namuth und Reisner das Land verlassen. Sie gründen in Frankreich wieder ein Fotostudio, ehe sie erneut von einem Krieg eingeholt werden: als Deutsche in Frankreich werden sie interniert und verlieren sich aus den Augen… Der Band ist eine gelungene Mischung aus Sachcomic, Geschichtsstunde und Biografie. Er zeigt den Krieg und Kampfhandlungen selten direkt. Stattdessen konfrontiert er Leserinnen und Leser mit den unmittelbaren Folgen und Auswirkungen des Krieges: Zerstörungen, das Leid der Menschen, entschlossene Kämpfer, Barrikaden.

Wie bereits erwähnt hält sich Zeichner Titwane nicht nur an traditionelle Panel-Anordnungen und schildert das Geschehen gerne in Collagen und originellen Seitenlayouts, die mit großformatigen Bildern oder ganzseitigen Darstellungen wechseln. Farblich benutzt er dabei fast nur sepiafarbene Töne, die (passenderweise) an alte Fotografien erinnern. Geog Reisner, von Krankheit und Depressionen geplagt, stirbt am 21. Dezember 1940 nach einem Selbstmordversuch. Nur zwei Tage später wird sein Visum für die USA ausgestellt. Sein Freund und Partner Hans Namuth gelangt im Februar 1941 in die USA, wird dort durch seine Künstlerportraits bekannt (u.a. von Jackson Pollock). Er kommt 1990 bei einem Autounfall ums Leben. Wen die Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs interessiert, liegt hier goldrichtig, auch wenn nur eine Seite und die aus der Sicht der beiden Kriegsfotografen portraitiert wird. (bw).

Kriegsfotografen: Hans Namuth und Georg Reisner 1936 – 1940
Text & Story: Raynal Pellicer
Bilder: Titwane
152 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
29,80 Euro

ISBN: 978-3-68950-126-6

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