Women of the West (Splitter) | Comicleser

Women of the West (Splitter)

Oktober 13, 2026
Women of the West (Splitter Verlag)

Jetzt sind endlich die Frauen an der Reihe. Nachdem sich Tiburce Oger zuletzt in seinen Wild West Anthologien den Revolverhelden, den Gesetzeshütern und den Indigenen widmete, stellt er nun in elf Kurzgeschichten, vom Ende des 18. Jahrhunderts bis in unsere Zeit, verschiedene Damen in den Mittelpunkt. Sie alle sind historische Persönlichkeiten, viele davon Pionierinnen – nicht nur im Wilden Westen, sondern auch in ihrem Beruf bzw. ihrer Berufung -, die bei der Eroberung des Westens eine Rolle spielten und deren Geschichte überliefert ist. Der Clou dabei: Bis auf zwei Episoden und die Rahmenhandlung wurden diese auch von Zeichnerinnen in den unterschiedlichsten Zeichenstilen in Szene gesetzt.

Den Anfang macht Gaëlle Hersent, die bereits den Calamity Jane Band aus der Reihe „Die wahre Geschichte des Wilden Westens“ (ebenfalls bei Splitter) bebilderte. Sie schildert in Aquarellfarben das Wild West Abenteuer der Reiseschriftstellerin Isabella Bird und ihre besondere Verbindung zu einem alten Halunken (Das Versprechen, 1873). Miss Prickly (d.i. Isabelle Mandrou) widmet sich in ihrem Beitrag zwei Gesetzeshüterinnen, die sich als Deputy Marshals in Oklahoma in der gesetzlosen, rauen Männerwelt durchsetzen mussten. Miss Prickly ist bei uns bekannt durch ihre Kinder-Comics („Die schreckliche Adele“, „Animal Jack“, beides bei Egmont). Hier zeigt sie sich von ihrer realistischen Zeichenseite (Töchter des Gesetzes, 1893).

Laura Zuccheri und damit auch ihren feinen, detaillierten Zeichenstil kennt man von den Splitter Reihen „Die gläsernen Schwerter“ oder „Rückkehr nach Belzagor“. Hier erzählt sie die abenteuerliche Flucht von Mary Ingles, die 1755 von Shawnee Indianern entführt und verschleppt wurde (Das Haus ohne Fenster). In „Otter Woman, die andere Ehefrau“ begleiten wir 1805 ein Stück die berühmte Lewis-und-Clark-Expedition und damit die Shoshonin Otter Woman, die von einem Trapper gekauft wurde. Etwas konfus erzählt und farbenfroh gezeichnet von Isabelle Dethan, bekannt u.a., durch die Arboris-Serie „Über dem Land des Horus“. Um ein kurioses aber wichtiges Reise-Utensil auf einem Siedler-Treck von Illinois nach Oregon geht es in „Pionierin“ (1852). Hier begleiten wir Abigail Scott, die später erfolgreich für das Frauenwahlrecht kämpfte. Klassisch gezeichnet von Virginie Augustin (u.a. „Alim der Gerber“ bei Splitter).

Auch Mary Fields, bekannt als Stagecoach Mary, schrieb Geschichte als erste weibliche afroamerikanische Postkutschen-Zustellerin. Während einer lebensgefährlichen Situation, die sie resolut meistert, blicken wir auf ihr Leben zurück. In einem ganz eigenen Zeichenstil gehalten von Nathalie Ferlut (Stagecoach Mary, 1895). Mit François Boucq kommt nun einer der wenigen Herren zum Zuge. Der Western Routinier („Bouncer“) widmet sich dem kurzen wie intensiven Leben von Kitty Leroy, die 1877 von ihrem Ehemann erschossen wurde (Die Kerze). Der nächste Beitrag stammt von Éloïse Oger, was nach Frau, Tochter oder zumindest Familie des Initiators klingt. Sie schildert die Geschichte eines riskanten Rinder-Trecks von Texas nach Kansas unter der Führung von Ranch Besitzerin Margaret Borland (Cattle Driver, 1873).

Mary Achey (1832-1886) malte in den 1860ern als erste Künstlerin ihre Heimat Colorado, wodurch sie bekannt wurde. Jahre nach ihrem Tod besuchen zwei feine Damen, selbst angehende Künstlerinnen und mehr als freundschaftlich verbunden, ihr Grab (Mary Achey & Boston Marriage, 1890). Gezeichnet von Elvire De Cock, die man als Koloristin kennt (u.a. „Habemus Bastard“, „Ladies with Guns“, beides wieder bei Splitter). Im Jahr 1886 entstand ein berühmtes Foto, das Ruth Chrisman mit ihren drei Schwestern in Nebraska vor ihrem ärmlichen Lehmhaus zeigt. 1973 wird die hundertjährige Ruth dazu von einer Journalistin interviewt, wobei diese Überraschendes erfährt. Inhaltlich eine der originellsten Episoden des Bandes, von Daphne Collignon kühl inszeniert (Die Fotografie). Dominique Bertail, den wir bereits aus den vorherigen Alben kennen, beendet mit seiner Geschichte über die Banditin Belle Starr (die auch in Lucky Luke zu Ehren kam) die Episoden, wieder in seinem wunderbaren monochromen Stil gehalten (Der Fall der Belle, 1889).

Natürlich bietet Tiburce Oger wieder eine Rahmenhandlung auf, mit dem Titel „Das Geheimnis“, die als roter Faden die Episoden verknüpft und die wieder von Paul Gastine („Bis zum bitteren Ende“, bei Splitter) gestaltet wurde. Hier betritt 1974 eine Journalistin (nämlich genau die, die Ruth Chrisman interviewte) eine Art indianische Schwitzhütte mit einer Schamanin, die die junge Frau nicht nur mit allerlei Substanzen versorgt, sondern ihr auch die Storys in dem Band berichtet. Einmal mehr machen nicht nur die unterschiedlichen Zeichenstile und die meist unbekannten Schicksale der vorgestellten Frauen, ob stille Heldinnen oder unerschrockene Pionierinnen, den Reiz des Bandes aus. Wer Tiburce Ogers Vorbände sein Eigen nennt, kann und muss hier natürlich zugreifen, fast schon allein wegen des wunderbaren Covers von Béatrice Tillier. (bw)

Women of the West
Text & Story: Tiburce Oger, Hervé Richez
Bilder: Paul Gastine, Gaëlle Hersent, Miss Prickly, Laura Zuccheri,
Isabelle Dethan, Virginie Augustin, Nathalie Ferlut, François Boucq,
Éloïse Oger, Elvire De Cock, Daphne Collignon, Dominique Bertail,
Béatrice Tillier
112 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
25 Euro

ISBN: 978-3-98721-336-6

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