
Ausgesuchte Geschichten, eine Art Best of –natürlich streng subjektiv gesehen. Und eigentlich unmöglich auf „nur“ 360 Seiten: Panini legt anlässlich des neuen Kinofilms mit dem Netzschwinger die Spider-Man Anthologie wieder auf. Für Neueinsteiger, Auffrischer und Fans. Die Spinne feierte ihr Debut bekanntlich 1962 in der Reihe „Amazing Fantasy“. Seitdem erschienen zahllose Hefte in diversen Serien mit dem Superheld, dessen Popularität seit der allerersten Ausgabe ungebrochen ist. Darunter etliche Klassiker – alleine aus der Lee/Ditko Ära könnte man praktisch jedes Heft abdrucken. Gleiches gilt im Prinzip für die Ausgaben, die John Romita als Ditko-Nachfolger ab 1966 zeichnete. Und da sind wir noch lange nicht bei den modernen Klassikern, wie „Kravens letzte Jagd“ angekommen, die inzwischen auch schon vor einer ganzen Weile erschienen…
Den Anfang (von zwölf Heften, die enthalten sind) macht auch hier natürlich der Anfang, die Origin. Das muss so sein, das ist unstrittig. In Amazing Fantasy 15 feiert ein gewisser Schüler namens Peter Parker als Spider-Man sein Debut, gleich mit einer tragisch-prägenden Episode und der abschließenden Erkenntnis, dass mit großer Kraft auch große Verantwortung folgt. Die zweiteilige Ausgabe 1 von „Amazing Spider-Man“ wird ausgelassen, stattdessen ist Heft 2 am Start: Hier trifft der Teenager und Held erstmals auf den Senior und Schurken Geier und etabliert nebenbei noch seinen Fotografen-Job bei Jonah Jameson. Ein erstes Jubiläum folgt dann mit Amazing Spider-Man #50 (dieser Tage erscheint bei Marvel übrigens Heft #1000!) mit der ikonischen Seite, als Peter nach einer Sinnkrise sein Kostüm nicht an den Nagel hängt, sondern in die Tonne wirft. Teilweise schön textlastig und klassisch illustriert von John Romita.
In dem Dreiteiler, der mit Heft 100 von 1973, einer weiteren Jubiläumsnummer, beginnt, feiert Vampir Morbius sein Debut, was durch eine Aufweichung des Comic Codes möglich wurde. Wie weiland sein entfernter Vetter Nosferatu betritt er traditionell von einem Schiff kommend die Welt- bzw. Marvel-Bühne. Spider-Man mit sechs Armen, das ist schon reichlich skurril. Mit unterkühlten Zeichnungen inszeniert von Gil Kane, der auch am Tod von Gwen Stacy „beteiligt“ war (in Amazing SM #121). Jetzt springen wir über ein Jahrzehnt weiter – es wird geheiratet, genauer gesagt im Annual Nr. 21 von 1987. Peter und MJ leben in verschiedenen Welten. Während sie als gefragtes Model mit Limos und Chauffeur zu ihren Jobs abgeholt wird, ist Peter auf jeden Dollar angewiesen, den er sich mit seinen Spider-Man Fotos verdienen kann. Und sogar JJJ verdrückt hier eine Träne…

Dann folgt eine Art Zeitenwende, was den Zeichenstil betrifft, denn Todd McFarlane tritt auf den Plan. Nicht nur abenteuerliche Spidey-Posen, auch große Kulleraugen und große Haare, vor allem bei MJ, stehen hier hoch im Kurs. In Amazing Spider-Man #300 erleben wir Peter Parker wieder im schwarzen Kostüm, der gegen Eddie Brock und seinen ehemaligen Kostüm-Alien-Symbionten antreten muss, die bekanntlich als Venom firmieren. Mit wunderbar inszenierten Kloppereien, die noch immer Laune machen. Nun wechseln wir die Serie, von Amazing geht’s zum Spectacular Spider-Man, und hier zur Ausgabe 200 von 1993. Endlich darf auch der Grüne Kobold mitmischen, hier in Gestalt von Harry Osborn. Der ist gesundheitlich angeschlagen und innerlich zerrissen, kämpft er doch nicht nur mit seinem Freund Peter, sondern auch mit dem Erbe seines Vaters. Sal Buscema glänzt hier einmal mehr mit seinem feinen wie kantigen Zeichenstil.
Endgültig in der Neuzeit angekommen sind wir mit der folgenden Story, die von „Babylon 5“ Erfinder J. Michael Straczynski geschrieben und von John Romita Jr. gezeichnet wurde. Eine ganz besondere Episode, die inhaltlich wie optisch fast ausschließlich aus einem bahnbrechenden Gespräch zwischen Peter und seiner Tante May besteht (Amazing SM 38 von 2002). Besonders wird es auch in Ausgabe 500 von Amazing Spider-Man, 2003 erschienen. Denn hier sitzen die beiden John Romitas – Vater und Sohn – gemeinsam am Zeichenbrett (Romita senior starb 2023 mit 93 Jahren). Wieder von Straczynski verfasst, durchlebt Spidey noch einmal in einer Art Parallel-Dimension sein Dasein, inkl. Schurken-Begegnungen (mit doppelseitigem Wimmelbild) und einer schönen Hommage an Steve Ditkos Amazing Spider-Man 33. Das wunderbare Cover stammt übrigens von J. Scott Campbell und ist am Anfang des Bandes in Gänze zu bewundern.

Wie auch in der Erstausgabe von 2017 wird jede Geschichte mit einem einleitenden Vorwort in den entsprechenden zeitlichen Spider-Man Kontext gesetzt. Dazu gibt es gesammelte Infos über Spideys (und Peters) Freunde und Kollegen, über seine wichtigsten Widersacher, aber auch über seine diversen Liebschaften und natürlich über die Kreativen, von Stan Lee bis zu Joe Kelly. Womit wir bei der Neuerung in dieser Auflage wären. Denn als letztes kommt mit Amazing Spider Man #1 ein weiteren Neustart der Reihe von 2025 zum Abdruck, gezeichnet von Pepe Larraz, der bereits diverse Marvel-Titel bebilderte. Sein Stil ist modern, dynamisch, nur Peter sieht immer mal wieder aus, wie eine Karikatur seiner selbst. Und die Story endet mit einem Cliffhanger, der freilich in der Heftserie bei Panini aufgelöst wird… (bw)
Spider-Man – Erstaunliche Abenteuer: Die Spider-Man Anthologie
Text & Story: Stan Lee, J. Michael Straczynski, J. M. DeMatteis,
David Micheline, Jim Shooter, Joe Kelly u.a.
Bilder: Steve Ditko, Gil Kane, John Romita Senior, John Romita Junior,
Sal Buscema, Todd McFarlane, Pepe Larraz u.a.
360 Seiten in Farbe, Hardcover
Panini Comics
35 Euro
ISBN: 978-3-7416-4735-2