
Zuerst ein kurzer Blick in die Vergangenheit und damit auf den Ausgang der letzten Mission von Mezoke, Kaleb und Dernid: ihnen war es gemeinsam mit Angus gelungen, die Nevronomen auf deren Heimatplaneten zu retten und damit auch die Konföderation vor einem vernichtenden Krieg zu bewahren. Jedoch zu einem hohen Preis. Denn Mezokes Schicksal ist ungewiss, wurde sie doch durch eine Dimensionslücke geschleudert, die sich gleich danach wieder schloss. Seitdem ist sie irgendwo verloren in der Quantendimension, weshalb es unmöglich scheint, ihre Spur zu finden, oder sie gar zu retten. Falls sie überhaupt noch am Leben ist…
Das geschah vor sechs Jahren (was übrigens auch annährend die Zeitspanne ist zwischen dem Erscheinen des letzten Bandes und dem aktuellen). Inzwischen hat Kaleb Swany mit dieser Vergangenheit abgeschlossen und konzentriert sich auf die Gegenwart, denn die bietet einiges: zum einen hat er mit Tevel eine neue Partnerin gefunden, zum anderen macht er Karriere. Als erster Mensch soll er Oberster Würdenträger der Konföderation werden, seine Wahl gilt als Formsache. Auch den Kontakt zu Dernid hat Kaleb abgebrochen. Der verdingt sich gemeinsam mit dem Nevronom Angus, einem lebenden Raumschiff, als Weltraum-Schrotthändler und sucht noch immer in den Tiefen der Quantendimension nach einer Spur von Mezoke.
Doch Kalebs Amtseinführung wird gleich überschattet, da sich eine neue Krise anbahnt. Und die ist religiöser Natur: vier wichtige Religionen mit über 67 Milliarden Gläubigen verlangen, künftig im Rat der Konföderation vertreten zu sein und drohen mit einer Abspaltung, sollte dies nicht geschehen. Federführend sind dabei die Solaristen unter der Führung der Priesterin Meredith Caballero, die wie Kaleb ebenfalls ein Mensch ist. Caballero gilt als Extremistin, die auch Gewalt nicht scheut, was die Konföderation nach einem ersten erfolglosen Gespräch mit ihr auch schnell zu spüren bekommt. Weshalb Kaleb als neuer Oberster Würdenträger nachgeben muss und einem persönlichen Treffen mit ihr zustimmt…
Religion ist ja bekanntlich Opium für das Volk. Und religiöser Extremismus und/oder Fanatismus eine Gefahr, was auch drüben im Western-Genre bei Splitter der Undertaker jüngst erfahren musste. Hier kommt den Solaristen und deren Chefin zusätzlich zupass, dass der Tod bzw. der Selbstmord ihrer Gläubigen gebilligt oder gar gutgeheißen wird, wenn er der Sache dient (Stichwort Märtyrer – kennen wir leider auch mit aktuellen Bezug). Um weiteren Machtspielen zuvorzukommen und einen Aufruhr auf den Planeten der Konföderation zu vermeiden, muss sich Kaleb nolens volens zumindest vorerst den Forderungen der Priesterin, der vermeintlich neuen Antagonistin, beugen und reist deshalb mit seiner Delegation zum Satelliten-Tempel der inzwischen berüchtigten Solaristen.
Einen Schauplatz mit einer Protagonistin der letzten beiden Bände lässt Autor Sylvain Runberg aus: Kalebs Schwester Kristina kommt in diesem Band nicht vor, auch ihr weiteres (kriminelles) Schicksal nach dem Aufruhr auf Tetsuam bleibt unklar. Wer ihr dennoch wieder begegnen will: Während der über 5-jährigen Pause der Hauptserie hat Runberg ein Spin-Off mit dem Titel „Outlaws“ konzipiert, das bisher zwei Bände umfasst und das sich ganz auf Kristina konzentriert. Hier im neuen Band pendelt die Handlung zwischen Kaleb und der drohenden neuen Krise und Dernid, der mit Angus wieder durch das All streicht und noch immer die Suche nach Mezoke nicht aufgibt.
Serge Pellés Zeichnungen zu sehen ist stets ein Vergnügen. Nur wenige Franko-Belgier können mit einem solch eindeutigen, charakteristischen Stil aufwarten – auch Éric Chabbert, der Zeichner von „Outlaws“ kann da nicht mithalten. Pellés Panels sind nicht unbedingt bunt, eher gediegen und zurückhaltend in ihren Farben. Er benutzt viele helle Töne, die längst den Look der Serie charakterisieren und ein wenig an Enki Bilals Stil erinnern. Dazu legt er in seinen Bildern eine überbordende Fantasie an den Tag, v.a. bei der Gestaltung der diversen Alien-Rassen oder fremdartiger Flora und Fauna. Auch die Story ist wieder formidabel angelegt – man verfolgt einerseits Kalebs Werdegang und andererseits die spannende Suche nach der verschollenen Mezoke, ehe zum Finale hin die Situation eskaliert – durch wen wissen wir nicht. Das wird dann der nächste Band klären, der diesmal hoffentlich nicht allzu lange auf sich warten lässt. (bw)
Orbital, Band 5.1: Sezession
Text & Story: Sylvain Runberg
Bilder: Serge Pellé
56 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
18 Euro
ISBN: 978-3-68950-119-8