
Nach der Eskalation am Ende des letzten Bandes, samt famosem Cliffhanger, wechselt nun erst einmal die Perspektive. Und die Zeit. Wir verfolgen eine Rückblende im Breitwandformat und springen darin mitten in den amerikanischen Sezessionskrieg. Dort sehen wir Madeleine Esther „Sister“ Oz, wie sie auf Seiten der Südstaaten nach einer vermeintlich verlorenen Schlacht mutig und trotzig die Fahne schwenkt und dabei patriotische Lieder anstimmt. Was gleichzeitig die „Origin“ von Sister Oz markiert (auf eine weitere, für ihren Werdegang entscheidende Episode, wird später noch einmal Bezug genommen). Erst danach wird besagter Cliffhanger spannend aufgelöst und die Story kann weiter gehen.
Sister Oz, die junge charismatische, religiöse Fanatikerin, hat mit Hilfe der „braven“ und inzwischen von ihr indoktrinierten Bürger von Eaden City den Arzt Randolph Prairie, Roses Ehemann, in ihrer Gewalt, der bei Eleanor Winthorp den Schwangerschaftsabbruch vornehmen will. Prairies Haus, in dem Jonas Crow, Rose und Eleanor ausharren, wird noch immer von den Abtreibungsgegnern belagert. Doch Jonas schmiedet einen wagemutigen Plan, um Randolph zu befreien und zudem um Sister Oz zu entführen, als wertvollen Faustpfand. Tatsächlich gelingt die Aktion, wonach Jonas Randolph wegschickt, um in Fort Keith die Armee zu holen, damit die lebensgefährliche Situation entschärft wird. Doch die spitzt sich noch weiter zu – bis die Lage für Jonas und die beiden Damen langsam aussichtslos zu werden scheint…
Der furiose Abschluss des Zweiteilers greift gleich mehrere, für einen Western ungewöhnliche Themen auf, die erst recht damals von der Gesellschaft gebrandmarkt wurden und die – wenn man beispielsweise das aktuelle Amerika mit seinen erzkonservativen Rückfällen betrachtet – heute leider wieder Thema sind: Abtreibungsgegner, religiöser Fanatismus, oder Homosexualität. Schon hier kommt keiner der Fanatiker rund um Sister Oz auf den Gedanken, zu hinterfragen, warum Eleanor das Kind nicht haben möchte, ja nach ihrer Moralvorstellung nicht haben kann. Es sind triftige Gründe, zweifellos. Weit und breit findet sich keine Spur von der Idee der Selbstbestimmung der Frau. Niemand außerhalb des belagerten Hauses fragt nach Eleanors Befinden.

In all dem brisanten, moralisch wie actionbezogenem Geschehen lässt Autor Xavier Dorison starke Charaktere agieren: der Arzt, der sich nicht einschüchtern lässt, die resolute Rose, in all dem Tohuwabohu hin- und hergerissen zwischen zwei Männern, die verzweifelte Eleaonor, die als ehemaliges Dienstmädchen in den Geldadel einheiratete. Und dann natürlich Jonas Crow, ein Mann mit Vergangenheit, immer einen zynischen Pseudo-Bibelspruch auf den Lippen, aber trotz seines zumindest nach außen rauen Wesens doch auf der Seite der Vernunft stehend, sowie seine Gegenspielerin, die radikale Demagogin Sister Oz, die im Namen des Herrn auch über Leichen geht, paradoxerweise um ein ungeborenes Leben zu retten.
Dorison präsentiert so mitnichten einfache Western-Kost, die dennoch zwischen Dramatik, Tragik und genretypischer Action changiert und deren Finale man erst einmal verdauen muss, ehe das Ende schon auf die mögliche Thematik des nächsten Bandes hindeuten mag. Ralph Meyers Zeichnungen sind einmal mehr makellos. Realistisch in bester franko-belgischer Tradition, das Vorbild Jean Giraud erkennbar, aber nicht kopierend. Vielmehr präzise und ausdrucksstark. Immer wieder mit originellen Perspektiven aufwartend und Panels ohne Worte, in denen die Gesichter Bände sprechen. Noch verfeinert durch die erneut passende Kolorierung von Caroline Delabie. So macht man einen Edelwestern allererster Güte. (bw)
Undertaker, Band 8: Die Welt nach Oz
Text & Story: Xavier Dorison
Bilder: Ralph Meyer, Caroline Delabie (Farben)
64 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
18 Euro
ISBN: 978-3-98721-352-6