Disenchanted, Band 1 (Dantes Verlag) | Comicleser

Disenchanted, Band 1 (Dantes Verlag)

September 17, 2020
Disenchanted, Band 1 (Dantes Verlag)

Ernüchtert. Entzaubert. Auf den Boden der Realität geholt. Das alles, und noch viel mehr, steckt in diesem Motto, das auf die Welt der „kleinen Wesen“ zutrifft. Einst waren sie allgegenwärtige Elemente nicht nur der Folklore, sondern des täglichen Lebens: Elfen, Trolle, Feen, Leprechauns, Heinzelmännchen – all diese kleinen Helferlein, die dereinst die Fantasie der Menschen beflügelten, haben einen Riesenfehler gemacht. Leichtsinnig ist man geworden, hat sich im Jahr 1917 sogar bereitwillig fotografieren lassen und damit vollständig entmystifiziert. Noch schlimmer: die Menschen haben die kleinen Wesen vergessen, verdrängt und im modernen Alltag durch Fernseher und Handys ersetzt. Vollständig überflüssig und arbeitslos, sind die Völker vom Lande in die große Stadt geströmt, wo man dem Heilsversprechen aufsaß, in der neu gegründeten Vermintown in einer stillgelegten und vergessenen Station der Londoner Untergrundbahn warte man nur auf sie.

Aber weit gefehlt: wie bei jeder Landflucht typisch, bilden sich Slums heraus, es herrschen Arbeitslosigkeit, Bandenverbrechen und ein zunehmendes Drogenproblem. Mitten in dieser Gemengelage steht die alte Anführerin, die Elfe Tibitha Leveret, die auf die „alten Wege“ pocht, auch wenn die jungen Leute die alten Riten längst nicht mehr akzeptieren. Ihr Sohn Stote versucht mehr schlecht als recht, seine beiden Jungs Fig und Tael durchzubringen, nimmt dabei jede Menge Schulden bei Kredithaien auf und kämpft gegen den teilweise sehr laut ausgesprochenen Vorwurf, er habe den Tod seiner Frau mit verschuldet. Stotes Schwester Sal, ihres Zeichens Polizistin in der Vermintown-Miliz, geht mit ihrer Einheit auf die Jagd nach den Drogenhändlern und nimmt dabei die Spur ins Nobelviertel auf. Gleichzeitigt verguckt sich Tael ganz gewaltig in die Picktsie Lith, die ihn direkterweise ins Milieu der Gangs und des gefährlichen Straßenlebens einführt… 

In ihrem im wahrsten Wortsinne dreckigen Anti-Fantasy-Epos stellen Simon Spurrier und German Erramouspe die allseits beliebte Einhorn-Feen-Romantik ganz gewaltig auf den Kopf: in einer wilden Mischung aus Realität und Fiktion (so etwa liefert der verbürgte Betrugsfall der „Cottingley-Feen“ mit angeblichen Elfen-Fotos aus dem Jahr 1917 den Ausgangspunkt für die alternative Geschichte) thematisiert sie den Wegfall des mythologischen Überbaus, der in Form des Aberglaubens die naturverwurzelte Orientierung gab, deren Wegfall auch T.S. Eliot in seinem Waste Land beklagt. Vermintown steht stellvertretenden für jede Megacity in den so genannten aufstrebenden Märkten, in denen sich die vom Lande geflohenen armen Seelen in ihren Vierteln drängen und ein kärgliches Dasein fristen, immer am Rande des Abgrunds in Form von Drogen und offenem Rassismus.

Dass diese Metropole des Ungeziefers (nichts anderes bedeutet der blumige Name) in einer verlassenen Londoner Tube-Station unterhalb eines geschlossenen Sex-Shops befindet und aus gesammeltem Müll besteht, verleiht dem Ganzen eine noch bitterere Note. Neben der zivilisationskritischen Haltung dieser Anti-Utopie stehen klassische Generationskonflikte, in denen vor allem Tael gegen seinen Vater und die Ordnung rebelliert – was wir in einem ähnlich apokalyptischen Setting auch schon in „Gung Ho“ bestaunen konnten. Hierzu kommt ein wahres Füllhorn an sprachlichen Eigenheiten und Spielereien, die aus der durchaus eigenen Verständigung der kleinen Völker entspringen, von dem Glimmern, den man jemand antun kann, über das Rauschgift Grein bis hin zu den Gobs, abfällig so bezeichneten Kobolden. Insgesamt ein verstörender, beeindruckender Gegenentwurf zu jeder Elfenromantik, der im Original 2013 bei Avatar erschien und beim Dantes Verlag gewohnt sorgfältig (in bravouröser Übersetzung von Jens R. Nielsen und mit aufschlussreichem Anhang) eingerichtet das Licht der Welt der Großen erblickt. (hb)

Disenchanted, Band 1
Text: Simon Spurrier
Bilder: German Erramouspe
164 Seiten in Farbe, Hardcover
Dantes Verlag
22 Euro

ISBN: 978-3-946952-53-4

Tags: , , , ,

Comments are closed.