
Forschung kann durchaus gefährlich sein, das erfährt auch der Mediziner Matteo Realdo Colombo, der im 16. Jahrhundert in der Wissenschaftsmetropole Padua seine Studien verfolgt. Die nämlich beschäftigen sich intensiv mit der weiblichen Anatomie, genauer gesagt mit den Zonen, die in der vorherrschenden christlichen Lehre eher als Werkzeug der Versuchung dienen. Im Etablissement seiner Bekannten Monna Angelica geht er zielstrebig seiner Spurenaufnahme nach und sammelt seine Erkenntnisse im Traktat „De Re Anatomica“, in der er seine Theorie ausbreitet, die Damenwelt habe mit dem sogenannten Amor Veneris durchaus eigene Mittel und Wege zum Wonnegefühl – wofür er in seinen Forschungen mehrfach persönlich den Beweis antritt.
Dabei hilft ihm unwissentlich auch der Dekan des Kollegiums der königlichen Ärzte Alessandro de Legnano: auch mit dessen Ehefrau Beatrice führt Colombo so manche Studie durch, aber die Späher des misstrauischen Dekans entdecken die Affäre. Der schäumende Dekan fasst den Plan, den verhassten Rivalen unter dem Vorwurf der Ketzerei von der Inquisition auf den Scheiterhaufen bringen zu lassen. Im Tribunal, geführt von Kardinal Carafa, scheint dies auch zu gelingen, aber Legnano hat nicht mit der Damenwelt gerechnet: diverse Kardinäle, darunter auch Carafa, sind selbst regelmäßig zu Gast bei Monna Angelica, die dieses brisante Wissen nutzt, um elegant, aber bestimmt Druck auf die Entscheidung auszuüben…
Mit der im Original als „L’anatomista eretico“ 2021 erschienenen Biographie von Matteo Realdo Colombo legen Szenarist Moreno Burattini und Zeichner Davide Perconti eine nach eigenen Worten „literarische Fiktion“ vor: rund um die historische Figur des Wissenschaftlers Colombo, der in der Tat in Padua wirkte, dort den Lehrstuhl seines ehemaligen Mentors Andreas Vesal übernahm und schließlich sogar einen Lehrstuhl an der Sapienza in Rom erhielt – was als Hintergrund und Ausblick in einer Romreise gegen Ende kunstvoll eingeflochten ist -, weben die beiden einen Teppich voller Eskapaden, die in dieser Form nicht verbürgt, aber dennoch äußerst amüsant sind.
Scheinbar sachlich „untersucht“ Matteo da die Damenwelt, die sich bereitwillig für die Forschung hergibt, da die Sache jeweils durchaus nicht unangenehm ist. Ob der Rivale Legnano nun wirklich als gehörnter Ehemann die Inquisition bemühte, das bleibt im Reich der Fabel – Tatsache ist, dass das Traktat De Re Anatomica 1559 erschien und beinhaltete neben den Ausführungen zur weiblichen Physiognomie auch zutreffende Thesen über Herz und Blutkreislauf. Neben Burattinis geschickter Vermengung von historischen Hintergründen und pikant-erotischen Ausschmückungen (die die losen Sitten der Renaissance ebenso thematisieren wie die oftmals für höchst persönliche Interessen instrumentalisierte Doppelmoral der herrschenden Monarchen und Kleriker) glänzt der Band durch die optische Inszenierung:
Burattini (seit 1991 Autor der italienischen, auch international äußerst erfolgreichen endlos-Serie Zagor) und Zeichner Davide Perconti legen den Schwerpunkt auf detailreiche Darstellungen, die mit stimmiger Atmosphäre überzeugen und in den hier natürlich zentralen Szenen der zwischenmenschlichen Aktion gekonnt die Balance zwischen Eleganz und Deutlichkeit (die nichts zu wünschen übrig lässt, auch als etwa Kardinal Carafa im Hause Monna Angelica seinen ganz eigenen Vorlieben frönt) wahren. Somit ein faszinierender Blick auf eine schillernde Epoche, die bei MarGravio im Hardcover mit einem Anhang mit doppelseitigen Zusatzillustrationen erscheint. (hb)
Der Ketzer und der Venushügel
Text & Story: Moreno Burattini
Bilder: Davide Perconti
68 Seiten in Farbe, Hardcover
MarGravio Verlag
20 Euro
ISBN: 978-3-910932-40-1