
Gastfreundschaft muss nicht immer etwas Gutes sein. Das erfahren die nur scheinbar zufällig zusammenwürfelten Besucher, die sich im Jahr 1939 auf den Weg nach Soldier’s Island machen. Jeder wurde unter einem anderen Vorwand von einem gewissen Mr. Owen kontaktiert: man könne alte Freunde treffen, ein lukrativer Auftrag winkt, Butlerdienste werden verlangt. So trifft sich am Pier eine bunte Gesellschaft, bestehend aus ex-Richter Wargrave, Captain Philip Lombard, General John Gordon MacArthur, Arzt Dr. Edward George Armstrong, Lebemann Anthony James Marston, der jungen Vera Claythorne, der frömmelnden Emily Brent und dem Detektiv William Blore. Man setzt auf die einsame Insel über, auf der bis auf ein geschmackvoll eingerichtetes Herrenhaus nichts und niemand zu finden ist.
Empfangen wird die Reisegruppe von Butler Thomas Rogers und seiner Frau Ethel, die ebenfalls per Brief von Mr. Owen engagiert wurden – der sich allerdings erst einmal entschuldigen lässt. Als man die feudalen Gästezimmer bezieht, stellt man staunend fest, dass in jedem Raum der alte Kinderreim über die Zehn kleinen Soldaten hängt, in dem in jeder Strophe ein Mitstreiter erledigt wird. Beim Abendessen lauert dann der große Schockmoment: urplötzlich tönt eine Stimme (ausgehend von einem Grammophon) durch den Raum, die jeden einzelnen Gast damit konfrontiert, absichtlich oder fahrlässig einen Mord begangen zu haben – was jeder Beschuldigte natürlich brüsk zurückweist. Richter Wargrave beginnt zu ermitteln, man vergleicht die Briefe des Gastgebers und kommt zum Schluss, dass sich hinter dem Unterzeichner U. N. Owen schlichtweg Unknown, also Unbekannt, verbirgt.
Während alle Anwesenden insgeheim die Wahrheit der Anschuldigungen beschleicht, schlägt das Schicksal zu: der Bonvivant Marston stirbt vor aller Augen, offenbar vergiftet. Kurz darauf schlägt auch Rogers Alarm – seine Frau Ethel verstirbt im Schlaf. Hinreichend in Panik, verbringen die restlichen acht eine unruhige Nacht, nur um am nächsten Morgen festzustellen, dass das tägliche Shuttleboot wegen Sturms nicht verkehrt – man sitzt fest, eine gründliche Suche ergibt, dass man alleine auf der Insel ist: der Mörder muss also aus den eigenen Reihen stammen. Als auch Rogers und Emily Brent gewaltsam zu Tode kommen, stellen die verbliebenen fest: die Morde geschehen nach Art und Reihenfolge des alten Kinderreims, am Ende dessen buchstäblich keiner übrig bleibt…
Dieses Werk Agatha Christies, in dem weder Miss Marple noch Hercule Poirot in Erscheinung treten, gilt bis heute nicht nur als meistverkaufter (und nach einer Fanumfrage auch beliebteste) Kriminalroman aller Zeiten – auch das düsterste und pessimistischste Epos der Queen of Crime haben wir hier vor uns. Christie selbst zufolge sei dieser Roman (auch wenn die Grundidee des hermetisch geschlossenen Raums ein durchgängiges Motiv in ihrem Oeuvre bildet, so etwa im „Mord im Orient-Express“ oder dem „Tod auf dem Nil“) am schwierigsten und gleichzeitig perfektesten konstruiert, gewissermaßen ihr handwerkliches Meisterwerk: alle sind schuldig (ähnlich und doch anders als im Orient-Express, wo bekanntlich alle die Täter sind), man ermittelt mehr oder weniger in Eigenregie, die sonst üblichen red herrings (also bewusst irreführenden Hinweise) fehlen komplett, während die Reihen zunehmend dezimiert werden.
Inhaltlich und auch in der Art der gewaltsamen Ableben hangelt sich das Geschehen entlang an dem alten Kinderreim, den wir alle aus unserer Kindheit noch unter dem heute natürlich nicht mehr präsentablen Titel kennen, unter dem der Roman 1939 auch erstmals erschien. Erst 1985 entschied man sich zur Umbenennung in das bis heutige gültige „And then there were none“, während in den in dieser Hinsicht immer schon sensitiveren USA der Roman stets entweder „Ten Little Indians“ oder eben „Und dann waren’s keine mehr“ betitelt wurde. Die zehn kleinen Wasauchimmers wurden mehr als jedes andere Werk Christies adaptiert, etwa schon 1943 von der Dame selbst für ein Bühnenstück (mit etwas weniger düsterem Ausgang) oder 1945 durch den renommierten René Clair für die Leinwand, bevor dann Robert Moore 1976 in seiner wunderbaren Krimi-Persiflage „Murder By Death“ (dt. „Eine Leiche zum Dessert“) das Grundmotiv des Romans (ein Unbekannter lädt in ein einsames Haus, eine Mordserie beginnt) übernahm.
Für die Adaption in der mittlerweile durchaus umfänglichen Reihe „Agatha Christie Classics“ (zu der sich zeitgleich eine Manga-Umsetzung in drei Bänden gesellt) hält sich Pascal Davoz eng an die Vorlage, das Geschehen wird zeitlich im Erscheinungsjahr des Romans 1939 platziert (im Gegensatz zum durchaus wirkungsvollen „Update“ der „Toten in der Bibliothek“ in die Swinging Sixties, das Dominque Ziegler wagte), so dass man das Mysterium ebenso gebannt verfolgt wie die auch heute noch faszinierende Auflösung. Quasi aus dem Off schaltet sich immer wieder der Erzähler in der Dritten Person ein, der die verdrängte oder verschleierte Schuld aller Beteiligten schonungslos offenlegt.
Die Zeichnungen von Callixte (di. Damien Schmitz) orientieren sich am franko-belgischen Stil und überzeugen neben den leicht überzeichneten Flashbacks vor allem in der eleganten Art Deco-Einrichtung der Villa auf der einsamen Insel. Somit ein mehr als spannender Blick in das erfolgreichste Werk der grande dame of crime, die zu mindestens zwei Dingen animiert: man hört sich zuerst nochmal die spaßige musikalische Version der Hosen von den „Zehn kleinen Jägermeistern“ an. Und natürlich versuchen wir danach erneut – zweifelsohne wieder erfolglos – zu ergründen, warum genau eine gefährliche Straße wie frische Pilze sein soll. (hb)
Agatha Christie Classics: Und dann gab’s keines mehr
Text & Story: Pascal Davoz, nach Agatha Christie
Bilder: Callixte
80 Seiten in Farbe, Hardcover
Carlsen Verlag
20 Euro
ISBN: 978-3-551-80910-0