
„Jeden Tag eine gute Tat“, hat ein gewisser Mr. Baden-Powell einst als Motto ausgegeben, und der kleine Pfadfinder-Bursche scheint das zu beherzigen, als er einer alten Dame über die Straße helfen will. Denn in der Hyde Street ist mächtig was los, nicht nur Baustellen und viel Verkehr. Wobei der der Schein trügt, und zwar voll umfänglich. Denn der Junge, Pranky genannt, ist kein netter Freund und Helfer, sondern ein grausam-skrupelloses Monster. Und auch die vermeintlich nette alte Dame hat Leichen im Keller, wie wir schnell erfahren. Bleibt die Hyde Street, die sich von sämtlichen anderen Straßen und Gegenden unterscheidet, die eine Art Parallelwelt bildet, in der man zu einem bestimmten Zweck Seelen verdammt.
Pip „Pranky“ Peabody ist einer dieser Seelenfänger, Frederick Xavier Ray, Mr. X-Ray genannt, ein anderer. Später treffen wir noch auf Oscar Oddman, bekannt als Matinee Monster und auf die Fitness-Fanatikerin Glee Goodbody (!), die nie ihr Geschäft verlässt. Sie alle und noch einige mehr stehen in einem skurrilen Wettbewerb: fangen sie 10.000 Seelen von Übeltätern und anderen Sündern, dürfen sie die Hyde Street verlassen und wieder in ihr altes Leben zurückkehren. Über den „Spielstand“ führt ein gewisser „Punktrichter“ Buch, das bösartigste Wesen in der Hyde Street und der Herr über diese verdrehte Realität. Über diese Figur erfahren wir noch nichts. Auch insgesamt gilt es erst einmal einordnen, was die Story überhaupt will. Und vor allem, was der Zweck des Ganzen ist.
Der bleibt nämlich auch vorerst verborgen oder beschränkt sich höchstens auf Andeutungen. Dafür erfahren wir mehr über die Kontrahenten: der sadistischen Pranky, der seiner Konkurrenz die Seelen stiehlt und der die Hyde Street eigentlich längst verlassen könnte – würde er nicht Gefallen an seinem grausamen Tun finden. Oder Mr. X-Ray, der stets eine alberne Spielzeugbrille trägt, unser Ich-Erzähler ist und einst ein windiger Verkäufer war, der seinen Kompagnon in den Tod trieb. Interessant ist auch die Backstory von Oscar Oddman, einem aufstrebenden Hollywood Monster-Darsteller, der nun als eine Art pervertierte Frankenstein-Kreatur auf ewig in seiner Rolle feststeckt, inkl. passendem Schloss samt Laboratorium, an dem Mr. Strickfaden seine helle Freude hätte.
Ja, was uns hier Geoff Johns und Ivan Reis, die Macher von „Hyde Street“ (eine Straße fernab der Realität, in der die Dunkle Seite herrscht und damit ganz offensichtlich nach Mr. Hyde benannt, der bösen Seite von Dr. Jekyll) kredenzen, weist noch etliche Fragezeichen auf. Die zentrale Idee dahinter erscheint originell, soweit sie bereits klar ist. Die einzelnen Episoden, in denen v.a. Pranky als schillernder Drecksack hervorsticht, machen uns nach und nach mit den Bewohnern vertraut und v.a. mit deren Beziehungen untereinander. Man ist sich nämlich alles andere als grün. Da wird sicher noch einiges kommen – in den USA bei Image läuft die Serie noch, dort sind bisher zwölf Hefte erschienen. Das erste Trade Paperback, das bei uns nun von Skinless Crow veröffentlicht wird, beinhaltet die ersten sieben davon.
Verantwortlich für die Reihe ist das Ghost Machine Studio, das so illustre Namen wie Gary Frank, Bryan Hitch oder Jason Fabok vereint. Wie auch DC-Veteran Geoff Johns und Ivan Reis, der bereits in seiner Karriere als „Lady Death“ Zeichner Horror-Erfahrungen sammeln konnte und der hier Bilder präsentiert, die rundum beeindrucken. Seine Zeichnungen, im Verbund mit Inker Danny Miki, sind äußerst aufwändig, kräftig und stecken voller Details – so ist schon das Cover eine Hommage an ein Gemälde von Norman Rockwell (The Runaway, 1958). Francis Portela, der die Kapitel fünf und sechs zeichnerisch verantwortet, kommt da nicht ganz ran. Vom ersten Band gibt, bzw. gab es drei Hardcover-Varianten, die bereits vergriffen sind (Cover siehe ganz unten). Und auch die reguläre Softcover Ausgabe ist vielerorts bereits ausverkauft. Hier sollte man sich also ranhalten, um noch ein Exemplar zu ergattern. (bw)
Hyde Street, Band 1
Text & Story: Geoff Johns
Bilder: Ivan Reis, Francis Portela, Danny Miki,
Brad Anderson (Farben)
192 Seiten in Farbe, Softcover
Skinless Crow
24,50 Euro
ISBN: 978-3-03963-081-3
