
Hyper-Päpste, Magno-Bankiers, Paläo-Götter, Protobank-Polizei. Wenn solch ungewöhnliche Begriffe fallen, weiß man als erfahrener Comicleser: Wir befinden uns einmal mehr im Science Fiction Universum von Alejandro Jodorowsky. Tatsächlich ist „Kosmopiraten“ (zwei Teile, hier bei Splitter in einem Double Band zusammengefasst) ein absolutes Spätwerk des fleißigen Autors, Fast-Dune-Verfilmers und Incal-Erfinders, der mit Comic-Größen wie Moebius und Manara gearbeitet hat, der selbst eine wurde und der 2024, als er die Geschichte zu „Kosmopiraten“ schrieb, bereits 95 (!) Jahre alt war:
Xar-Cero ist schier unbesiegbar, der beste Kämpfer des Universums. Weshalb die sieben Magno-Bankiers auf ihn aufmerksam werden, die über den größten Teil der Galaxie herrschen, ein Imperium, das hier Oekonomikon heißt. Sie betrauen ihn mit einer heiklen Aufgabe, für die er reich belohnt werden soll. Was sie ihm nicht sagen: Er wird dabei einen ganzen Planeten vernichten. Darüber gerät Xar-Cero nach Erfüllung des Auftrags extrem in Rage, was die Magno-Bankiers nur noch mehr beeindruckt. Denn sie haben in ferner Zukunft Großes mit ihm vor. Bis dahin – um sich und ihn nicht zu gefährden – löschen sie sein Gedächtnis und geben ihm eine neue Identität als Arzt auf einem beschaulichen Planeten, wo er als Doktor Zang aufwacht.
Doch die Idylle währt nicht lange. Durch unglückliche Umstände und ohne sein Zutun wird er von der Protobank-Polizei verhaftet, verschleppt und auf dem Sklavenmarkt von Galagraz an Gouverneur Bishop und seine Nichte Leonarda als deren Geburtstagsgeschenk verkauft. Im Gouverneurspalast muss sich Doktor Zang als Stallbursche verdingen, nähert sich aber Leonarda an, die ihn jedoch barsch zurückweist – wobei ihm noch immer sein altes glorreiches Kämpfer-Leben als Xar-Cero verborgen bleibt. Als unvermittelt Kosmopiraten auftauchen und den Gouverneur angreifen, ergibt sich für Zang/Xar-Cero und seine Mit-Sklaven unvermittelt die Möglichkeit zur Flucht…

Jodorowsky treibt seine Weltraumoper um Xar-Cero schier atemlos voran, ständig gibt es Wendungen und man bricht zu neuen Ufern auf, teilweise – das muss man konstatieren – mit hanebüchenen Übergängen. Dabei lässt Jodorowsky einmal mehr seiner kreativen, extravaganten Fantasie freien Lauf – wie sonst kann man sich eine 5000 Jahre alte, sprechende Schildkröte mit Flügeln und magischen Kräften ausdenken, die hier eine wichtige Rolle spielt (der zweite Teil heißt im französischen Original La tortue d’or – Die goldene Schildkröte)? Einige Motive sind dagegen bekannt – wie die Rebellen, die unter Führung eines Helden gegen das scheinbar allmächtige Imperium aufbegehren, unterlegt von einer zumindest anfangs unglücklichen Lovestory. Und am Ende wird sogar der ganze bisherige Story-Kosmos umgestülpt. Hier erzählt Jodorowsky seine Geschichte versöhnlich und droht mit dem fast märchenhaften Schluss gar in Kitsch abzugleiten. Dennoch: wer sich mit 95 Jahren so eine Story ausdenkt, dem gebührt Respekt.
Auch die zeichnerische Umsetzung ist bemerkenswert. Mit Pete Woods schwingt ein Amerikaner den (Computer-) Stift, der bisher in erster Linie im Superhelden-Lager verortet war, mit Titeln wie Deadpool, Justice League oder auch Batman. Der aber auch bereits Kontakt mit dem „Jodoversum“ hatte, sei es mit dem leider völlig verunglückten Incal Spin-Off „Kill Hundeschnauze“ oder mit Band 7 und 8 der Meta-Baron Reihe (ebenfalls bei Splitter). Hier beeindruckt er mit aufwändig gestalteten Panels voller futuristischer Details, wobei er das Geschehen in eine einheitliche, geradezu sanfte Farbgebung hüllt. Ein Skizzenbuch am Ende des Bandes, von Woods selbst kommentiert, gibt Einblicke in die Entstehung der Figuren und in die Arbeitsweise des Zeichners. (bw)
Kosmopiraten
Text & Story: Alejandro Jodorowsky
Bilder: Pete Woods
144 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
29,80 Euro
ISBN: 978-3-68950-140-2