
Aufregung in der Oper: ausgerechnet zur Premiere von Gounots Faust zeigt sich die Diva Carlotta unpässlich. Der persische Mäzen Daroga drängt darauf, der Choristin Christine Daaé eine Chance zu geben, und siehe da: der Abend gerät zum Triumph, was auch Christines Verehrer Vicomte Raoul de Chagny erfreut. Das neue Direktorium hat jedoch ganz andere Sorgen: seit 6 Monaten erpresst ein Unbekannter die Oper, fordert Zugang zu Loge 5 sowie regelmäßige Zuwendungen von 20.000 Francs. Nachdruck verschafft sich der mysteriöse, in der Belegschaft das „Phantom“ genannte Fiesling durch allerlei Untaten – er sendet Drohbriefe, ermordet eine Katze, verabreicht dem Ensemble ein Schlafmittel und erhängt den Bühnenmeister, was schließlich auch die Polizei auf den Plan ruft.
Als man der gesundeten Carlotta ihre Hauptrolle zurückgibt, stellt das Phantom ein Ultimatum: entweder Christine darf wieder singen, oder ein Fluch trifft die Oper. Man schlägt die Warnungen in den Wind und erntet die Konsequenzen: auf offener Bühne versagt der offenkundig vergifteten Carlotta die Stimme, und der gewaltige Kronleuchter stürzt von der Decke und begräbt diverse Zuschauer unter sich. Im Tumult ergreift eine maskierte Gestalt Christine und entführt sie in die Katakomben der Oper, wo sich ein ganz eigenes Reich inklusive Orgel, unterirdischem See und Wohnsälen befindet. Der mysteriöse Fremde stellt sich als Erik vor, macht Christine reichlich Geschenke und bittet sie, bei ihm zu bleiben.

Als Christine versehentlich Eriks Maske herunterzieht, schaut sie in eine fürchterlich entstellte Fratze und will voller Panik fliehen. Nach Christines Versprechen, stets zu ihm zurückzukehren, lässt Erik die junge Dame frei. Als Christine gegen die Abmachung verstößt und mit Raoul fliehen will, kommt es zur Katastrophe: Erik, der die beiden belauscht hat, entführt Christine abermals in die Katakomben und zwingt sie, sich zu entscheiden: entweder sie bleibt bei ihm, oder er sprengt das Gebäude. Raoul und Daroga, der sich mittlerweile als alter Weggefährte Eriks zu erkennen gegeben hat, nehmen die Verfolgung auf, werden aber vom Phantom in einem Foltersaal gefangen, der sich dank steigendem Wasserpegel zur Todesfalle zu entwickeln droht…
Mitte der 80er nahm das unangenehme Phänomen der Musicals deutlich an Fahrt auf, die halbe Welt pilgerte zu den Ansetzungen, hierzulande insbesondere in Hamburg. Fast schon inflationär nahm man schwarze T-Shirts mit einer kleinen aufgedruckten Maske war, die Insidern zuraunten: ja, ich war beim Phantom der Oper, da fällt der Kronleucher herunter, da ist ein See auf der Bühne, und ein Maskierter haucht pathetisch „Music of the Night“! (Kleines Bonmot: 1999 gab sogar einmal in Toronto ein gewisser Stanley Eisen, besser bekannt als Paul Stanley, die Titelfigur – dem Vernehmen nach durchaus eindrucksvoll). Dass hinter diesem Welthit aus der Feder des Musical-Herrschers Andrew Lloyd Webber (der sich später ja auch Billy Wilders „Sunset Boulevard“ vornahm) eine literarische Vorlage stand, das wussten wir über Umwege – nämlich über die zahlreichen Verfilmungen, die das Werk des Krimi-Vielschreibers Gaston Leroux, erschienen erstmals als Fortsetzungsroman in der Zeitung Le Gaulois vom 23.09.1909-08.01.1910, einem breiten Publikum bekannt machten.
Allen voran ging hier die Stummfimversion von 1925, in der Lon Chaney sich einmal mehr als Mann der 1000 Gesichter erwies, den entstellten Erik gar furchterregend verkörperte und in einer spektakulären kolorierten Ballsequenz als roter Tod die Freitreppe herunterschritt. Die Farbversion von 1943 verwendete die gleichen Kulissen gleich nochmal, wich aber von der Grundstory in einigen Aspekten ab, während Claude Rains wie stets brillierte. Der Roman selbst (der mir in jungen Jahren einmal als Buchclub-Ausgabe im elterlichen Schrank auffiel, dessen Lektüre ich aber aufgab, zu gruselig) gilt gemeinhin als Klassiker der Kriminal- und Schauerliteratur. Basierend auf durchaus realen Ereignissen in der Opéra Garnier, wie etwa einer Art Labyrinth nebst Stausee in den Katakomben sowie einem herabstürzenden Kronleuchter, baute Leroux eine fulminante Mischung aus Grusel, Kriminalistik, Exotik (in Gestalt des Persers Daroga und der Fernreise von Erik) und einem Liebesmotiv im Geiste des Glöckners von Notre Dame.

In den mechanischen Folterwerkzeugen, wie etwa einem eisernen Galgenbaum, oder der Flutung der Zellen steht Leroux durchaus auch in der Nähe von Poes sinkendem Pendel aus der gleichnamigen Erzählung. Auch in Gestalt der Bildgeschichten trat uns Erik schon mehrfach entgegen, so etwa aus der Feder von Christophe Gaultier (deutsch zu haben bei Knesebeck) oder sogar in einer dem Webber-Musical folgenden Fassung von Cavan Scott und Jose Maria Beroy (bei Panini). In der vorliegenden Adaption halten sich die Literatur-Spezialisten Paul und Gaëtain Brizzi, die schon mehrfach Werke meisterlich umsetzten, darunter Cervantes Don Quichotte und Dantes Inferno, eng an die Vorlage, arrangieren allerdings diverse Elemente um (so etwa fehlt die Figur von Raouls Bruder) und verzichten komplett auf die vor allem im Chaney-Film zentrale Maskenball-Szene.
Optisch markiert der Band allerdings einen neuen Höhepunkt: wie schon in den bisherigen Adaptionen dominieren Bleistift-Zeichnungen, die gänzlich monochrom daherkommen und die Düsterkeit der Katakomben ebenso vermitteln wie die Monumentalität des Opernbaus. Szenen wie die Demaskierung Eriks und der stimmliche Zusammenbruch Carlottas sind durchaus expressiv überhöht, während an anderer Stelle eine realistische Darstellung dominiert. Im standesgemäßen Hardcover legt Splitter diese Fassung mit einer Skizzengalerie und einem kleinen Infoblock zu Gaston Leroux auf, was sich nahtlos in die durchweg beeindruckenden Klassiker-Versionen der Brüder Brizzi fügt. Und ach ja, wer sich dem Musical in sicherer Distanz nähern will, dem sei die Coverversion des Titelsongs empfohlen, den die finnischen Symphoniemetaller Nightwish 2002 vorlegten, Operngesang der Diva Tarja Turunen inklusive. Das bollert wenigstens. (hb)
Das Phantom der Oper
Text & Story: Gaëtan Brizzi, Paul Brizzi, nach Gaston Leroux
Bilder: Gaëtan Brizzi, Paul Brizzi
160 Seiten in Schwarz-Weiß, Hardcover
Splitter Verlag
35 Euro
ISBN: 978-3-68950-096-2