Blackbeard, Band 1 (Splitter) | Comicleser

Blackbeard, Band 1 (Splitter)

Mai 3, 2021

Karibikkreuzfahrten können auch ganz schön ungemütlich werden. Das erfährt die Familie eines Gutsverwalters auf Jamaica am eigenen Leibe, als das Sklavenschiff, auf dem sie eigentlich in die Heimat hätten fahren sollen, von Piraten unter dem Kommando des berüchtigten Blackbeard gekapert wird. Die Freibeuter staunen nicht schlecht, als anstelle der erwarteten Schätze nur ein paar Zivilisten ins Netz gehen, aber auch die kann man ja zu Geld machen: das Sklavenschiff verankert man in einem Verstreck, während ein Abgesandter nach Port Royal reist und dem Gouverneur und seinem Verwalter dort eine satte Lösegeldforderung überbringt.

Im Piratenlager ist einer der Gefangenen währenddessen so leichtsinnig, angebliche Pläne zu verborgenen Schätzen als Tauschgut für seine Freiheit anzubieten. Da macht der Gute natürlich die Rechnung ohne den Wirt: Blackbeards erster Offizier meuchelt den Gefangenen kurzerhand, weil er ja nun weiß, dass im Schiff irgendwo Schatzkarten verborgen sein müssen. Die findet man zwar nicht, dafür aber eine noch viel wertvollere Beute: nämlich detaillierte Beschreibungen der Routen von Handelsschiffen zwischen den einzelnen Inseln, die sich wunderbar als Vorbereitung für künftige Raubzüge eignen.

Alles könnte also laufen wie am Schnürchen, wäre da nicht irgendwo ein Verräter im Getriebe: obwohl das Lösegeld entrichtet wird, findet man an Bord des Sklavenschiffs nur noch die Leichen der Entführten. Die Schuld sucht man natürlich bei Blackbeard, dem die verfolgende englische Flotte kaum abnimmt, dass er mit dem Mord nichts zu tun hat. Und so muss sich der Pirat aufmachen nach Norden, wo das erbeutete Büchlein auf einer Insel wunderbare Schätze verspricht…

Jean-Yves Delitte (u.a. „Die großen Seeschlachten“, „Westminster“) kredenzt uns hier ein ganz besonderes Sahnestückchen der maritimen Abenteuer: basierend auf der historischen, bunten Figur des Piraten Edward Teach, der unter dem Namen Blackbeard berühmt-berüchtigt wurde, spinnt Delitte einen feinen Faden zwischen Mythos und Realität. Das beginnt schon mit der Rahmenhandlung, in der der Schriftsteller Daniel Defoe (geistiger Vater des legendären Einsiedlers wider Willen Robinson Crusoe) im Jahr 1721 durch die Gefängnisse zieht und Erzählungen rund um Piraterie sammelt, was Defoe in seiner Karriere als Journalist und Essayist nachweislich mehrfach tat.

Dort trifft er einen Insassen, der zwar Komplize von Teach war, aber dennoch seine Unschuld beteuert und die Geschichte dann in der Rückschau entfaltet. Auch die Figur Blackbeards selbst gestaltet Delitte durchaus vielschichtig: einerseits rücksichtslos und rabiat, andererseits aber auch gebildet, murmelt Teach auch schon einmal lateinische Zitate vor sich hin und fabuliert von einer Kindheit mit Hauslehrern und Gouvernanten. Eingebettet wird das Ganze in die historischen Piratenzüge in der Karibik Anfang des 18. Jahrhunderts, als die britische, französische und niederländische Flotte um die Schätze der neuen Welt wetteiferten und den Engländern gar nicht so ungelegen kam, wenn ihre Konkurrenten durch Freibeuter-Angriffe geschwächt wurden – auch eine Art Handelskrieg, wie Blackbeard einmal lakonisch feststellt. Teachs Kompagnon Stede Bonnet gibt sich ebenfalls die Ehre, so wie Blackbeards Schiff „Queen Anne’s Revenge“ wiederholt in Szene gesetzt wird.

Szene ist hierbei das richtige Stichwort: den eindeutigen Star des Geschehens liefert die optische Gestaltung. Delitte brilliert in detailreichen, oft auch doppelseitigen Darstellungen der Segelschiffe, gespickt mit Einzelheiten wie Myriaden von Tauen, Planken und anderen Einzelheiten, wobei auch das Meer selbst in ruhiger oder aufgewühlter Form quasi als eigener Charakter auftritt. Das einzige, was fehlt, sind die Zündschnüre, die der historische Blackbeard sich gerne in den Rauschebart steckte und anzündete, um eine möglichst erschreckende Figur abzugeben. Aber das kommt ja vielleicht noch in Band 2, der die Reihe dann auch gleich beschließen wird. Somit ein furioses Fundstück für alle Freunde des Fluchs der Karibik – und überhaupt: eine Story, in der Port Royal vorkommt, überzeugt immer. Das wusste ja schon „Rock’n’Rolf“ Kasparek. (hb)

Blackbeard, Band 1: Hängt sie höher!
Text & Bilder: Jean-Yves Delitte
48 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
16 Euro

ISBN: 978-3-96219-590-8

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