Bloody Mary (Carlsen) | Comicleser

Bloody Mary (Carlsen)

April 28, 2021
Bloody Mary - Die Geschichte der Mary Tudor (Carlsen Verlag)

Fünf Jahre Regentschaft sind nicht lange, verglichen mit der anderer englischer Monarchen – ob historisch oder aktuell -, haben aber ausgereicht, um aus Königin Mary/Maria I., Tochter von Henry/Heinrich VIII., in der allgemein geschichtlichen Wahrnehmung „Bloody Mary“ zu machen – als die Königin, die Protestanten erbittert verfolgte und hinrichten ließ. Die Hamburgerin Kristina Gehrmann schrieb und zeichnete nun eine Comic-Biographie, die den Lebensweg jener Mary Tudor nachverfolgt und schildert und dabei ein differenzierteres Bild der Königin entstehen lässt, die tatsächlich beim Volk als legitime Thronfolgerin erst beliebt und dann als Königin schnell verhasst war. Gleichzeitig gewährt der Band einen spannenden Einblick in die Zeit, als die „Hauptaufgabe“ von Königstöchtern darin bestand, möglichst vorteilhaft und strategisch gewinnbringend verheiratet zu werden.

Als dessen erstgeborene Tochter ist das Leben Marys natürlich mit dem ihres Vaters, Henry VIII., dem berühmtesten aller englischen Könige, nicht nur eng sondern beinahe schicksalhaft verbunden. Und das kam so: Mary, 1516 geboren, erhält als Prinzessin eine standesgemäße Erziehung in Wales und macht schon in jungen Jahren großen Eindruck auf die nationalen und internationalen „Heiratskommandos“, die sich am Hofe einfinden. Mit Vater Henry und Mutter Katharina von Aragon versteht sie sich gut. Es gibt nur ein entscheidendes familiäres Problem: die Königin schenkt Henry keinen Sohn und damit keinen männlichen Thronerben. Worauf Henry einen unerhörten Schritt wagt: er macht sich kurzerhand zum Oberhaupt der englischen Kirche und lässt die Ehe annullieren, was zum internationalen Politikum wird. Mehr noch: Henry streicht Mary als Thronfolgerin, die damit auch den Titel „Prinzessin“ verliert.

Der König heiratet Anne Boleyn, die prompt schwanger wird, aber mit Elizabeth wieder „nur“ eine Tochter zur Welt bringt. Die zusehends isolierte Mary hält an ihrem katholischen Glauben fest, bis sie 1536 dann doch ein Dokument namens „Lady Marys Unterwerfung“ unterzeichnet und so alle Forderungen ihres Vaters anerkennt (Ungültigkeit der Ehe der Eltern, illegitime Tochter und König als Oberhaupt der Kirche). Damit sind die beim Volk überaus beliebte Mary, wie auch ihre katholischen Getreuen, vorerst in Sicherheit. 1553 schlägt dann ihre große Stunde. Nach dem Tod des Vaters 1547 stirbt auch der neue König Edward, ihr Stiefbruder, mit nur 15 Jahren. Siegreich und gestärkt hervorgegangen aus einem kurzen Konflikt, der beinahe zum Bürgerkrieg werden drohte, besteigt Mary den englischen Thron und setzt sogleich alles daran, den Katholizismus wieder im Reich einzuführen. Sie lässt Protestanten („Ketzer“) verfolgen und hinrichten (auf dem Scheiterhaufen als Läuterung), heiratet mit Philip den spanischen Prinzen und verliert immer mehr Rückhalt im Volk…

Der Band beginnt als Mary zwei Jahre alt ist und bringt in der Folge die wichtigsten Ereignisse ihres Lebens, persönlich wie politisch, auf das Papier. Wir sehen mit Henry VIII. einen Vater, dem seine Tochter zwar ans Herz gewachsen ist, der aber als Machtmensch die hohe Politik und v.a. Machterhalt und dynastisches Denken über alles stellt. Der folglich auch nicht zögert, seine Tochter in eine Art Verbannung zu schicken. Mary zeichnet sich Zeit ihres Lebens durch eine ausgesprochene Sturheit aus, auch indem sie unerschütterlich an ihrem katholischen Glauben festhält. So greift sie trotz aller Widrigkeiten zur Königskrone, macht dann aber den Fehler, einen der nicht gerade beliebten Spanier zu heiraten, was erstmals Misstrauen im Land erweckt. Mit der inquisitorischen Verfolgung der Lutheraner (wobei heute unklar ist, welchen Anteil sie daran hat) verspielt sie dann endgültig ihre Popularität beim Volk. Dazwischen Schaut Kristina Gehrmann Höflingen, wie auch einfachen Bürgern immer wieder aufs Maul, die ungeniert zu Wort kommen, um die politische Lage, wie auch die allgemeine Stimmung im Land zu verdeutlichen.

Mit „Bloody Mary“ widmet sich Kristina Gehrmann erneut einem historischen Stoff, der einmal mehr von ganz anderer Natur ist. Bestand ihr Dreiteiler über die tragische Franklin-Arktis-Expedition (1845 bis 1848) aus einer Mischung aus gesicherten Fakten und (wahrscheinlicher) Fiktion (siehe auch unser Interview mit ihr), adaptierte sie anschließend erfolgreich Upton Sinclairs Roman „Der Dschungel“ über ausgebeutete Einwanderer in den Schlachthöfen Chicagos aus dem Jahre 1906. Nun also die Biographie einer englischen Königin, deren Werdegang nicht jeder sofort auf dem Schirm hat. Auch mit dieser Graphic Novel bleibt Gehrmann ihrem Zeichenstil treu, der Realismus und Manga-Einflüsse vereint, verbunden mit Details genauer Recherchen der jeweiligen Ära. Aber eines ist doch neu: die Farbe. Die entstand nicht am Computer, sondern wurde per Farbtusche direkt auf die (ausgedruckten) Seiten aufgetragen und verleiht dem Band einen zusätzlichen Reiz und Tiefe (siehe auch das „Making of“ im Anhang). Eine indirekte Fortsetzung folgt, denn als nächstes nimmt Kristina Gehrmann das Leben von Marys Nachfolgerin Elizabeth I. unter die Lupe. Die sollte dann auch wieder länger regieren. (bw)

Bloody Mary – Die Geschichte der Mary Tudor
Text & Bilder: Kristina Gehrmann
336 Seiten in Farbe, Hardcover
Carlsen Verlag
28 Euro

ISBN: 978-3-551-79349-2

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