Die Krankenschwester (Erko) | Comicleser

Die Krankenschwester (Erko)

September 4, 2016

Die Krankenschwester (Erko)

Tony Miller, ein kleiner Junge aus den USA, ist schwer krank, gelähmt, mit missgestalteten Gliedmaßen. Die ausnehmend hübsche Krankenschwester Theresa Banks erklärt sich im Auftrag von Tonys Vater bereit, mit dem jungen Herrn in eine dubiose russische Klinik zu reisen, die durch sensationelle Erfolge auf sich aufmerksam macht, aber sehr zurückgezogen agiert. Aber wer stellt schon viele Fragen, wenn die Institution den HIV-Virus besiegt und Krebskranke geheilt hat? Schon auf dem Weg ereignen sich seltsame Dinge – der Fahrer des Konvois weigert sich, an einem offenbar verunglückten Auto anzuhalten, das sei zu gefährlich. Vor Ort angekommen, stellt man fest, dass sich auch der verletzte Fahrer des Fahrzeugs hergeschleppt hat – und erst auf Theresas energische Intervention hin bietet man zumindest erste Hilfe an. In Empfang nimmt sie der zwielichtige Leiter der Klinik, Vitali Sova, man muss weitreichende Verschwiegenheitserklärungen abgeben – angeblich sei die Welt noch nicht bereit für die revolutionären Heilungsmethoden, die man hier praktiziert. Aber die bizarren Ereignisse haben erst begonnen: in den Korridoren trifft Theresa auf seltsame Gestalten, bevor ihr das Unfallopfer eröffnet, er habe den Unfall nur vorgetäuscht, um ins Institut einzudringen und seinen Sohn zu retten, der im Keller gefangen gehalten wird – um danach die Krankenschwester umzubringen, die er als Hexe bezeichnet. Theresa tut dies als Phantastereien eines Wahnsinnigen ab, der prompt die Beine in die Hand nimmt und in die Nacht flieht. Auch der nächste Morgen hält nichts Beruhigendes bereit: im Hof der Klinik tummelt sich eine wahre Armee von deformierten Freaks.

Sova erläutert frohgemut, dies seien Patienten auf „halbem Weg der Behandlung“ – die körperlichen Deformationen seien Teil des Heilungsprozesses, an dessen Ende die vollständige Gesundung stehe. Theresa kommen schleichende Zweifel, ob hier alles mit rechten Dingen zugeht, als in der folgenden Nacht aus dem Wald Leuchtsignale zu sehen sind – die der kleine Tony, der Morsecode beherrscht, übersetzt: „Sie sind in Gefahr, helfen Sie mir hinein!“ Theresa beginnt die Klinik zu ergründen und entdeckt im Keller tatsächlich einen Kerker, in dem ein unglaubliches Wesen gefangen gehalten wird, aber Sova ist ihr auf den Fersen und hypnotisiert sie. Unter Trance erzählt er ihr eine wüste Geschichte von einer Krankenschwester mit magischen Heilungskräften, die im Hintergrund die Geschickte des Instituts leite. Somit erneut ruhig gestellt, lässt Theresa zu, dass man die Behandlung des kleinen Toby beginnt, der dabei wie die anderen Insassen des Krankenhauses mutiert. In seinen Alpträumen beginnt er mit der Krankenschwester zu sprechen und findet bald seine Fähigkeit zu Gehen wieder. Als die letzte Stufe des Heilungsprozesses eingeläutet werden soll, nehmen die eine dramatische Wendung: der vermeintliche Franzose stürmt bis an die Zähne bewaffnet das Institut, schießt um sich und eröffnet der entsetzten Theresa, dass die Geschichte über seinen entführten Sohn frei erfunden war – und er ganz andere Motive hat, der Krankenschwester und allen ihren Spießgesellen nach dem Leben zu trachten…

Hinter dem Pseudonym Zalozabal verbirgt sich der uruguayische Zeichner und Autor Zalo Mendizabal, der beeinflusst von Moebius und Richard Corben Serien wie „Genetic Grunge“ und „Slum Nation“ entwickelt, die im Szene-Magazin Heavy Metal erschienen und in Frankreich von Erko bereits im Albenformat veröffentlicht wurden. Auch in „Die Krankenschwester“ entwickelt Mendizabal ein alptraumhaftes Szenario, das in bester Tim Burton-Manier inhaltliche und visuelle Abseitigkeiten verbindet und so eine Atmosphäre des Bedrohlichen schafft. Wie in einer stand alone Episode der X-Files entfaltet sich eine Mystery-Story, die Theresa immer tiefer in eine Welt der äußerlichen und innerlichen Deformation hineinzieht, durchzogen mit den klassischen Gothic Horror-Elementen des alten finsteren Hauses (wahlweise Schlosses – oder eben hier die Klinik in der russischen Steppe) und schwarzer Magie, die mit der angeborenen Angst vor dem Ausgeliefertsein und einem feurigen Finale kombiniert werden. Am Ende wartet Zalozabal dann noch mit einem Twist auf, der ein Augenzwinkern an übernatürliche Geschichten einer Twilight Zone liefert. Abseitig, im besten Sinne krank, faszinierend – und gruselig. Aber wenigstens geht alles gut aus… oder tut es das wirklich? Und es gibt sogar ein paar sexy-Nurse-Momente. Was will man mehr? (hb)

Die Krankenschwester
Text & Bilder: Zalozabal
56 Seiten in Farbe, Hardcover
Erko Verlag
14,95 Euro

ISBN: 978-90-89821-06-5

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