Simenon, Warten auf Maigret (Carlsen) | Comicleser

Simenon, Warten auf Maigret (Carlsen)

Oktober 14, 2026
Simenon, Warten auf Maigret (Carlsen Verlag)

Lüttich, 1923: der Journalist Georges Simenon heiratet sehr zum Missfallen seiner Mutter die junge Régine Renchon, die ihr Glück in der Malerei versucht. Man zieht nach Paris, wo Simenon sich als Sekretär beim Marquis de Tracy verdingt – drei Jahre lang soll er für den Unterhalt aufkommen, während Régine, genannt Tigy, versucht, sich mit ihren Bildern einen Namen zu machen. Simenon beginnt, unter Pseudonym Kurzgeschichten zu verfassen, die er mit einigem Erfolg in der humoristischen Zeitschrift Le Matin unterbringt. Simenon avanciert zum Vielschreiber eher trivialer Unterhaltungsliteratur, unter den Decknamen Georges Sim, Gom Gut und Luc Dorsan liefert er Groschenromane am Fließband. Sein erstes längeres Werk, der Trivialroman „Der Roman einer Stenotypistin“ gerät zum Achtungserfolg, man zieht in eine größere Wohnung um, während Régines Bilder zunehmend freizügig werden.

1925 engagiert Simenon die junge Henriette als Haushälterin, was Régine, die sich mittlerweile als Kunstmalerin etabliert hat, nicht ganz zu Unrecht eher kritisch beäugt. Das Jahr 1927 bringt dann gleich mehrere einschneidende Ereignisse: Simenon lernt die Tänzerin Josefine Baker kennen und beginnt eine leidenschaftliche Affaire mit ihr. Seinen Ruf als legendärer Vielschreiber will sich der Verleger Merle zu Nutze machen: in einer spektakulären Aktion soll Simenon in der Öffentlichkeit in einem Glaskäfig binnen drei Tagen und Nächten einen ganzen Fortsetzungsroman schreiben. Daraus wird nichts, dennoch sorgt die Sache für Furore. Simenon begibt sich schließlich auf eine ausgedehnte Reise über die Flüsse und Kanäle Frankreichs, wo er endlich die Inspiration zu seiner größten Schöpfung findet…

In insgesamt 75 Romanen schickte Georges Simenon seinen Kommissar Maigret auf Ermittlungstour, der durch zahllose Übersetzungen und auch Verfilmungen wohl neben Miss Marple, Hercule Poirot und Sherlock Holmes zu den bekanntesten Spürnasen der Literaturgeschichte gehören dürfte. In ihrer Biographie legen Jean-Luc Fromental, José-Louis Bocquet und John Simenon (der Sohnemann, der das literarische Erbe des Vaters verwaltet und medial äußerst umtriebig ist) den Fokus ganz bewusst auf die formativen Jahre vor dem Maigret-„Geburtsjahr“ 1930: so wie die Fitzgeralds treiben auch die Simenons durch die wilden 20er, man lebt auf Kante, feiert rauschende Partys, der sprichwörtliche Tanz auf dem Vulkan.

Simenon produziert Texte am laufenden Band, sein späterer, bewusst geradliniger Stil wird durch seine Erfahrungen in der Unterhaltungsliteratur geprägt: bei Le Matin fordert die Redakteurin Colette, er solle seinen Stil radikal vereinfachen – „streichen Sie alles Literarische“, was Simenon denn auch tut und später beibehält. Simenons notorische Frauengeschichten (auch mit der „Boule“ genannten Henriette zettelt er natürlich eine Liaison an) kommen ebenso zur Sprache wie die letztlich nie stattfindende Aktion des Groschenromans im Glaskäfig: die Zeitschrift geht pleite, bevor die Sache steigen kann, dennoch trägt der schiere Wahnsinn des Plans zu Simenons Ruhm bei.

Simenon zieht sich schließlich 1928 auf ein Hausboot zurück und bereist seither mit Tigy und Boule die Flüsse (sogar bis ins Hamburg der frühen 30er, wo die neuen Herren ihm schon durchaus zu Leibe rücken), wo er neben Dutzenden Groschenromanen schließlich die Muße findet, endlich den Weg zur ernsthafteren Literatur einzuschlagen – 1930 ersinnt er die Figur des Maigret, die er gegen viele Vorbehalte bei seinem Verleger platziert, ein Moment, an dem die Comic-Biographie dann abblendet. Maigret wird ihn auf immer begleiten, ebenso sein typischer, lakonischer, bewusst nüchterner Stil.

Neben der faszinierenden Vignette der „roaring twenties“ in Paris bietet auch die optische Gestaltung von Jacques de Loustal einen besonderen Hochgenuss: irgendwo in der Schnittmenge zwischen franko-belgischem Stil und expressionistisch angehauchter Gestaltung changiert Loustal zwischen Comic und Kunst, was sich den Bildern von Tigy wirkungsvoll annähert, ohne allzu verkünstelt zu wirken – eine Balance aus Unterhaltung und Anspruch, die auch Simenon in seinen „halbliterarischen“ Maigret-Romanen wirkungsvoll hielt.

Zwischen den Kapiteln sind jeweils kurze Auszüge aus Simenons Werk eingestreut, was einen lebendigen Eindruck seiner Schreibweise vermittelt. Somit ein fulminanter Einblick in eine atemlose Epoche und die Ausformung eines der produktivsten Schriftsteller überhaupt. Bei Carlsen erscheint der Band im Hardcover auf 128 Seiten, ergänzt um einen Anhang mit Kurzbiographien der zentralen Figuren. Und wem dieses Portrait des Künstlers als junger Mann zusagt, dem sei auch der Blick in die Adaption des „Non-Maigrets“ „Der Passagier der Polarlys“ empfohlen, die ebenfalls bei Carlsen erschienen ist. (hb)

Simenon, Warten auf Maigret
Text & Story: Jean-Luc Fromental, José-Louis Bocquet, John Simenon
Bilder: Jacques de Loustal
128 Seiten in Farbe, Hardcover
Carlsen Verlag
24 Euro

ISBN: 978-3-551-80638-3

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