
Eine offene Rechnung, die noch zu begleichen ist. Eine verlorene Liebe, die es zurückzugewinnen gilt. Zwei triftige Gründe, für die sich – als sich die Gelegenheit ergibt – der ehemalige Reporter Ange Leca im Jahr 1911 auf den Weg nach Amerika aufmacht, samt Hund Clemenceau. Denn in New York lebt inzwischen sein Erzfeind Alfred Clouët des Pesruches, mit Ehefrau Emma. Und die ist ja bekanntlich Anges so unglücklich Verflossene, während der bisher ungestraft gebliebene Mörder Clouët Teilhaber der Zeitungsmagnaten William Hearst geworden ist und weiter Geld scheffelt.
Wohnen kann Ange bei Cesar Capponi, ebenfalls ein Korse und Detektiv bei Pinkerton. Ange soll ihm bei einer brisanten Untersuchung helfen. Es geht um zwei spurlos verschwundene Paare, ein Fall bei dem der Detektiv bisher im Dunklen tappt. Ange wird unterstützt von Capponis Sohn Ray, einem stets gut informierten Zeitungsjungen. Gemeinsam entdecken sie eine erste Frauenleiche und erfahren von einer weiteren vermissten Frau. Bald erhärtet sich der Verdacht einer Mordserie. Und dann ist da ja noch Emma, Clouëts Frau, die ebenfalls verschwunden zu sein scheint…
Mit der Fortsetzung der Story geht ein harscher Ortswechsel einher. Vom Paris der ausgehenden Belle Époque, das von einem verheerenden Seine-Hochwasser heimgesucht wird, verlegen die Autoren die Geschichte nach New York, in die pulsierende Metropole der neuen Welt, wo gerade eine beispiellose Hitzewelle herrscht (die aber anders als die Flut in Band 1 nicht die Handlung auslöst). Ehe Ange sich mit Clouët und Emma beschäftigen kann, muss er sich um den Fall des gesundheitlich angeschlagenen Capponi kümmern, der immer größere Ausmaße annimmt, als man erkennt, dass man einem Frauenmörder auf der Spur ist, der in ständig neuen Identitäten sein Unwesen treibt.
Die Story ist dabei recht komplex angelegt und wechselt zwischen Ange Lecas neuem Job, der Suche nach dem Mörder, und seiner privaten Suche nach Emma, die er noch immer liebt. Und Clouët soll ja auch noch für das büßen, was er in Band 1 getan hat. Die beiden Autoren Tom Graffin und Jérôme Ropert binden dabei wieder historische Figuren in Haupt- und Nebenrollen, sowie tatsächliche Ereignisse in die Handlung ein. Wie die verheerenden Hitzewelle von 1911, den Aufstieg der Mafia unter Gangsterboss Giuseppe Morello, oder Anges Begegnungen mit der Dichterin und Feministin Lola Ridge (ihr Gedicht „Bowery Afternoon“ übersetzt Ange ins Französische) und der umstrittene Arzt Henry Cotton. Auch die Mordserie an sich beruht auf historischen Fakten und Begebenheiten.
Im Gegensatz zum ersten Band wird hier Ange Lecas selbstzerstörerische Ader nicht weiter thematisiert, während der Junge Ray als Sidekick und Informant hier die Rolle des Ex-Polizisten Marie François Goron aus Band 1 übernimmt. Am Ende werden Anges beide Suchen zwar im Prinzip erfolgreich, bleiben aber unbefriedigend, was hoffentlich auch bedeutet: Fortsetzung folgt. Die stimmigen und detailreichen Zeichnungen samt passender Farbgebung von Victor Lepointe lassen Leserinnen und Leser in das alte, vergangene New York eintauchen, mit seinen Hochbahnen und ersten Hochhäusern, wie das New York World Building, das 1955 bereits wieder abgerissen wurde. (bw)
Ange Leca, Band 2: Amerikanische Monster
Text & Story: Tom Graffin, Jérôme Ropert
Bilder: Victor Lepointe
72 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
18 Euro
ISBN: 978-3-68950-189-1