Spectators (Panini) | Comicleser

Spectators (Panini)

Juli 15, 2026
Spectators (Panini Comics)

„Nicht anfassen, nur gucken“ – kann das ein „Lebens“-Inhalt für die Ewigkeit sein? Für Val schon, notgedrungen. Denn Val stirbt bei einem Amoklauf in einem New Yorker Kino im Jahr 2022. Nach ihrem „Tod“ findet sie sich wieder als eine Art Schwebegeist über den Straßen der Stadt. Wobei sie bei weitem nicht die Einzige ist. Manche Tote verbleiben in dieser Zwischenwelt, auch beliebig lange und auf eigenen Wunsch. Die reale Welt erschließt sich hier nur durch Beobachten. Die Schwebeleute bleiben unbemerkt und ungesehen von den Menschen, den Lebenden, und können sich in keiner Weise irgendwie bemerkbar machen. Sie haben damit keinen Einfluss auf den Lauf der Zeit. Sie können eben nur „gucken“, sind für immer zum Zuschauen verdammt.

200 Jahre nach ihrem Tod macht Val genau das. Sie wurde längst zur professionellen, ja süchtigen Voyeurin, schaut den Menschen in der Zukunft beim Sex zu, oder bei Kämpfen – das Leben anderer zu verfolgen nennt Val Storylines. Dabei trifft sie unvermittelt auf Sam, der viel früher als Val starb und der nun in Cowboykluft samt Revolver durch die Welt schwebt. Während Val Manhattan stets treu blieb, erklärt Sam vollmundig, bis zum Pluto gereist zu sein – neun Jahre hin 16 wieder zurück. Ein Klacks in Anbetracht der Ewigkeit. Man findet sich offenbar gleich sympathisch, doch während man über das Beobachten intimer Momente nicht nur sinniert, geschieht eine Katastrophe, die sogar das Ende der Welt einläuten könnte…

Eine starke Prämisse, der Star-Autor Brian K. Vaughan (u.a. „Papergirls“, „Saga“, „Y-The last Man“) hier konsequent nachgeht: Geister in einer Art Zwischen-Dimension verfolgen das Weltgeschehen und den Wandel, ohne je eingreifen zu können. Das mag unendlich Geschichten bieten, wir bleiben aber konsequent bei Val und Sam, verfolgen deren ausgedehnte Konversation, meist ein Zwiegespräch, durchaus auch mit Längen und ab und an unterbrochen von weiteren Schwebegeistern (inkl. einer kuriosen Begegnung mit Teddy Roosevelt). Val macht sich über Sams antiquierte Ausdrücke lustig (Flugmaschine, Lichtspielhaus, Damen der Nacht), man diskutiert über die möglicherweise drohende Apokalypse und über die prägenden Filme der Jugend (bei Val war das Terminator, bei Sam viel früher ein „pikanter“ Stummfilm-Streifen in einem Kinetoskop).

Ein Sub-Plot erklärt später die drohende Gefahr und schlägt gleichzeitig eine Brücke zum Anfang des Bandes. Angesichts der allumfassenden Bedrohung für die Welt (die den Schwebegeistern freilich nichts anhaben kann) beschließen Val und Sam eine Ménage-à-trois zu finden und zu beobachten, zu sehen, wie die Lebenden angesichts des Endes noch einmal die Sau rauslassen (und nicht nur die). Damit kommen wir zu den Zeichnungen und den freizügigen Darstellungen, die den Band nur für Erwachsene geeignet machen. Dazu gesellt sich explizite Gewalt und Sprache. Und später erfahren wir noch einiges über die Vergangenheit von Val und Sam, bis zum Finale und zum – gerne mehrdeutig zu verstehen – Höhepunkt, samt einem originellen Durchbruch der Vierten Wand.

Zeichner Nico Henrichon, der neben diversen Superhelden-Titeln v.a. bekannt ist durch seine Graphic Novel „Die Löwen von Bagdad“ (ebenfalls bei Panini) und durch zwei „Meta-Baron“ Bände (im Splitter Verlag erschienen) greift hier zu einem optischen Kniff, indem er die reale Welt Schwarz-Weiß darstellt und im Kontrast dazu die Schwebegeister in kräftigen Farben. Dazu entwirft er eine opulente Zukunftswelt, in der die Lebenden in fliegenden, durchsichtigen Waben reisen, die Geister über futuristischen Hochhaus-Schluchten schweben und riesige Roboter und Kriegsmaschinen im Einsatz sind. Zwischendurch glänzt er mit doppelseitigen Ansichten mit Val und Sam als Farbklekse. Kein einfacher, aber ein hochgradig faszinierender Band. (bw)

Spectators
Text: Brian K. Vaughan
Bilder: Niko Henrichon
344 Seiten in Farbe, Hardcover
Panini Comics
49 Euro

ISBN: 978-3-7416-4837-3

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