Ange Leca, Band 1 (Splitter) | Comicleser

Ange Leca, Band 1 (Splitter)

Juni 10, 2026
Ange Leca (Band 1) Splitter Verlag. Von Tom Graffin, Jérôme Ropert & 
Victor Lepointe

Januar 1910. Das gewaltige Seine-Hochwasser, das über einen Monat andauern wird, hat die französische Hauptstadt fest im Griff. Und bringt damit Dinge an die Oberfläche, die verborgen bleiben sollten. So „stolpert“ der Reporter Ange Leca in der medizinischen Fakultät über den Torso einer ermordeten Frau, der im Wasser treibend gefunden wurde. Identität unbekannt. Es gibt nur eine Spur: die Tote könnte eine Schneiderin gewesen sein. Leca, ein Korse, den es nach einer unglücklichen Liebesbeziehung nach Paris verschlug und der nun bei der Zeitung „Le Quotidien“ tätig ist, wittert eine Story, doch sein Chef und Zeitungsbesitzer, Alfred Clouët des Pesruches, geht nicht darauf ein. Mehr noch, es kommt zum Streit – Leca, sowieso nicht gerade die Zuverlässigkeit in Person, wird fristlos entlassen. Was ihn jedoch nicht daran hindert, weiter Nachforschungen anzustellen…

Klingt fast nach gradliniger Krimi-Story. Doch die ist mit verschiedenen Komponenten gewürzt bzw. ausgeschmückt, die einiges mehr daraus machen. Da ist einmal ein Beziehungsgeflecht, das als durchaus pikant anzusehen ist: Denn Leca hat eine Geliebte, nämlich Revuestar Emma Capus. Aber Emma ist ausgerechnet mit Clouët des Pesruches verheiratet. Dann spielt die Zeit eine Rolle, die letzten Jahre der Belle Époque und damit der kulturelle Alltag in Paris. Leca ist dem Alkohol, in erster Line dem damaligen Modegetränk Absinth, zugeneigt, lässt sich nur zu gerne damit ablenken, um sich dann ungeniert treiben zu lassen, Ausschweifungen inbegriffen. Später – die Polizei ist wegen der Flut und deren Folgen überlastet – holt sich Leca Unterstützung von einem gewieften Ex-Polizisten, und tatsächlich gelingt es – kleiner Spoiler – nicht nur das Opfer zu identifizieren, sondern auch den Fall zu lösen. Zumindest inoffiziell.

Die Jahrhundert Flut, die damals Paris heimsuchte, ist hier weniger Thema, sondern der Umstand, der die Story mit dem Fund des Torsos auslöst (ein weiterer Comic, der sich mit der Seine-Flut beschäftigt, ist „Sequana“, ebenfalls bei Splitter erschienen). Und Ange Lecas Hund Clemenceau wird später noch eine wichtige Rolle spielen (und wurde von Leca augenzwinkernd nach dem französischen Ministerpräsidenten Georges Benjamin Clemenceau benannt). Aufgrund seines durchaus liederlichen Charakters scheint Leca nicht gerade geschaffen für die Aufklärung eines Verbrechens, dennoch beißt er sich regelrecht an dem Fall fest und kommt dabei zu ersten Ergebnissen. Wir begleiten ihn in schäbige Wohnungen und zeitgenössische schillernde Cabarets (L’Enfer – Die Hölle), und mit dem ehemaligen Chef der Sûreté, Marie François Goron, steht ihm eine historische Figur zur Seite.

Zeichner des Bandes ist der Franzose Victor Lepointe, dies ist seine erste Veröffentlichung auf Deutsch. Seine realistisch angelegten Bilder sind sanft gestaltet und fast zart koloriert – auf den ersten Blick. Auf den zweiten erkennt man enorm ausdrucksstarke Gesichter, viele Hintergrund-Details, wie zeitgenössische Plakate und ein Paris, das trotz, oder gerade wegen des Hochwassers markant in Szene gesetzt wird. Der Sekundärteil am Ende informiert zusätzlich über die Flut und die Belle Époque in ihren verschiedenen Facetten. Der Band trägt keine Nummer und vermittelt so den Eindruck, ein Einzeltitel zu sein. Was nicht ganz korrekt ist, denn die Geschichte von Monsieur Leca ist noch nicht auserzählt: Band 2, „Amerikanische Monster“, der in New York spielt und eine direkte Fortsetzung zu sein scheint, wird im Oktober bei Splitter veröffentlicht. (bw)

Ange Leca (Band 1)
Text & Story: Tom Graffin, Jérôme Ropert
Bilder: Victor Lepointe
72 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
18 Euro

ISBN: 978-3-68950-188-4

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