Zoe Carrington (Splitter) | Comicleser

Zoe Carrington (Splitter)

August 19, 2026
Zoe Carrington (Splitter Verlag) von Jim

Zehn Jahre ist es nun her, dass drei Studenten in London Freundschaft schlossen – Simon und JP aus Paris und Rothenberg aus Berlin. Ihr Ziel: erst das Londoner Partyleben aufmischen und nach dem Studium die Finanzwelt. Eine Begegnung brachte dann alles durcheinander. Das Trio lernte Zoe Carrington, ebenfalls eine Studentin, kennen, die alle drei betörte und die mit Simon eine leidenschaftliche Woche verbrachte, ehe sie sich Hals über Kopf in den vermögenden wie unkonventionellen Leo verliebte und bald heiratete. Was die Episode für JP und Rothenberg, aber v.a. für Simon schlagartig beendete.

Nun, zehn Jahre später ist die Realität den Träumen gewichen: Simon arbeitet als Anlageberater bei der Bank, JP ist Rettungssanitäter und Rothenberg verdingt sich in Berlin als Hochseilartist. Da tritt Zoe erneut und völlig unvermittelt in ihre Leben. Denn sie lädt die drei Freunde zu Leos dreißigsten Geburtstag ein. Nach London. Und übernimmt alle Kosten. Eine feudale Feier sei geplant, mit über 200 Gästen. Die Vorfreude auf das Wiedersehen ist groß, alte Erinnerungen werden wach. Man will noch einmal, so wie damals, so richtig die Sau rauslassen. Doch dann erhält die Hochstimmung der drei einen Dämpfer. Sie erfahren, dass Leo bereits vor zwei Jahren gestorben ist…

Man muss an dieser Stelle etwas mehr von der Story-Konstellation verraten, um zu verstehen, dass über der erhofften, vermeintlich unbeschwerten Feier ein Schatten hängt. Denn der, den es zu feiern gilt, ist nicht mehr da. Während JP und Rothenberg das so hinnehmen und sich dennoch Alkohol und mehr widmen, trifft Simon auf Zoe und ist sofort wieder von ihr hingerissen, ehe sie ihm einen fatalen Plan offenbart, den es fortan für Simon zu verhindern gilt. So beginnt v.a. für Simon ein nächtlicher Fiebertraum, der ihn quer durch London führt, auf der verzweifelten Suche nach Zoe, während andernorts die Feier startet, durchaus auch mit makabren und surrealen Zügen.

Nach „Helena“ und „Eine Nacht in Rom“ stellt Autor und Zeichner Jim (alias Téhy) erneut eine starke, attraktive, selbstbestimmte, aber auch rätselhafte Frauenfigur in den Mittelpunkt seiner Erzählung (und einen Mann, der nicht von ihr ablassen kann). Zumindest nach außen hin. Denn in kleinen Momenten, scheinbar streng dosiert, offenbart Zoe ihre seit dem Tod von Leo völlig aus den Fugen geratene Gefühlswelt, ihre innerliche Zerrissenheit. Weshalb auch der Plan, den sie beharrlich zu verfolgen scheint, für Außenstehende unmöglich zu begreifen ist. Zoe gegenüber steht Simon, der schnell von seinen Gefühlen von damals eingeholt wird. Und den die Situation um Zoe zumindest zu Beginn sichtlich überfordert.

Um Zoe und Simon tummeln sich die Nebenfiguren, die teilweise überdreht für thematische Auflockerungen, Humor und Running Gags sorgen: JT, der auf Alt-Punk macht und der sich seiner stets platonischen Beziehung zu Zoe rühmt. Und der alles konsumiert, was für einen anständigen Rausch taugt. Dann der dickliche Rothenberg, der mit der Prostituierten Camille anbandelt, die von Simon für die Feier „eingekauft“ wurde und die ihm eine höchst erfundene Vita erzählt. Camilla ist im Prinzip die sympathischste Figur der Handlung, weil sie ohne Vorbelastung das Geschehen, sprich die Feier, genießen kann. Über den Schluss des Bandes (der beide Teile der Geschichte enthält) bewahren wir natürlich Stillschweigen.

Bei seinen realistischen Zeichnungen arbeitet Jim, der eigentlich Thierry Terrasson heißt und der bei den Hintergründen von Rémi Torregrossa unterstützt wird, mit diversen gelungenen optischen Stilmitteln. So wird Zoe, bzw. ihr unbezähmbares Temperament, immer wieder durch ein wildes Pferd thematisiert und symbolisiert, das ganz in Rot gehalten ist. Panel-Spiele mit der britischen Flagge zeigen fließende, filmische Übergänge (tatsächlich wurde die Geschichte erst als Spielfilm konzipiert). Oder Erinnerungen von Simon an Zoe werden in kleinen, gleich großen Panels streng angeordnet mit den gleichen Farben gezeigt. Dazu gesellen sich wiedererkennbare Ansichten eines nächtlichen Londons in stimmigen Farbtönen. Mit „Zoe Carrington“ schließt Jim seine selbstbenannte „obsessive Trilogie“ ab. Wir können gespannt sein, was als nächstes kommt. (bw)

Zoe Carrington
Text & Story: Jim
Bilder: Jim, Rémi Torregrossa, Delphine (Farben)
192 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
39,80 Euro

ISBN: 978-3-68950-116-7

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