George Lucas, Episode II (Splitter) | Comicleser

George Lucas, Episode II (Splitter)

Juli 17, 2026
George Lucas: Episode II (Splitter Verlag)

Ende der 70er ist George Lucas der König der Filmwelt: entgegen allen Unkenrufen ist sein Star Wars ein epochaler Erfolg, nachdem er notgedrungen die Produktion selbst finanzieren musste, hat ihn der durchschlagende Blockbuster zum Millionär gemacht, der sich sein nächstes Projekt aussuchen kann. Lucas schwört sich dabei allerdings zwei Dinge: niemals wieder wird er sich den Stress antun, selbst Regie zu führen oder ein Drehbuch zu liefern – und er möchte fernab von Hollywood agieren. Dazu wirft er ein Auge auf ausgedehnte Ländereien, die ein Refugium für Filmschaffende beheimaten sollen – um seinen Traum zu verwirklich, braucht er Geld, viel Geld: ein Star Wars Franchise muss her, das die eigens gegründete Lucasfilm realisieren soll. Die ebenfalls neu etablierte Black Falcon soll sich speziell auf Merchandise konzentrieren, jene geniale Quelle aus Actionfiguren, Spielzeugraumschiffen und allerlei weiteren Lizenzen, die Lucas brillanterweise mit dem ersten Film erschloss.

Das Sequel will Lucas erneut komplett selbst an den Studios vorbei finanzieren, ein unerhörter Vorgang, der bedeutet, dass er große Teile seines Vermögens aufs Spiel setzt – was durch seinen weiter bescheidenen Lebenswandel denkbar ist. Im November 1977 engagiert er die renommierte SF- und Filmautorin Leigh Brackett (die neben ihren Space Operas auch Drehbücher für Howard Hawks und Alfred Hitchcock lieferte) und erklärt ihr die Grundzüge seiner Ideen. In der Annahme, auch zur Freude seiner Frau Marcia seine Zusicherung einhalten zu können – kein Stress, minimale Beteiligung an den operativen Arbeiten – engagiert er seinen früheren Professor Irvin Kershner für die Regie. Die alte Schauspieler-Riege versammelt er, teilweise nach Zugeständnissen, ebenfalls wieder – so etwa verlangt C3PO-Darsteller Anthony Daniels auch eine Erfolgsbeteiligung, und Harrison Ford, der nicht auf die Rolle des Han Solo festgelegt werden will, stellt zur Bedingung, dass sein Charakter am Ende stirbt.

Auch wieder mit an Bord ist die Spezialeffekte-Schmiede Industrial Light and Magic, allerdings etwas dezimiert, da der Mastermind John Dykstra mittlerweile für die TV-Serie „Battlestar Galactica“ engagiert wurde (die Lucas prompt wegen der dreisten „Anleihen“ bei Star Wars verklagt). Während Lucas und sein Kumpel Steven Spielberg 1978 ein ganz eigenes Projekt konzipieren – ein Abenteuerfilm, der im Geiste der Cliffhanger-gespickten Serials der 30er Jahre einem tatkräftigen Archäologen um die Welt folgt –, zeigen sich die ersten Risse in Lucas Plan, sich nicht mehr anzustressen: das von Leigh Brackett gelieferte Drehbuch enthält zwar zentrale Szenen, trifft aber nicht den richtigen Ton. Nachdem die Autorin im Sterben liegt, muss Lucas doch selbst übernehmen und das Skript komplett neu schreiben.

Durch eine starke Abwertung des Dollars gegenüber dem Pfund explodieren außerdem die Produktionskosten, da man wieder in den britischen Elstree Studios drehen will – Lucas muss bei der Bank vorsprechen und die Kreditlinien erhöhen, seine gesamte Existenz steht auf dem Spiel. Nachdem das Skript immer noch nicht rund ist, holt Lucas Lawrence Kasdan zu Hilfe, der gerade das Buch für den Abenteuerfilm geliefert hat. Der endgültige Drehstart verzögert sich durch Doppelbelegung der Studios in London weiter (vor Ort ist gerade auch Stanley Kubrick, der für Shining wie üblich etwas länger braucht) – um Zeit zu sparen, beginnt man im März 1979 mit den Außenaufnahmen in Norwegen, wo extreme Kälte dem Team zusetzt und den Zeitplan weiter durcheinanderwirft. Spannungen am Set, Kershners Arbeitsweise, die gerne vom Storyboard abweicht und auch Raum für Ideen und Improvisation lässt, die für Lucas nicht zufriedenstellenden ersten Rough Cuts – all das stürzt Lucas in eine noch tiefere Existenzkrise, als er sie beim ersten Film erleben musste. Der Erfolg der Fortsetzung wird über sein Wohl und Wehe entscheiden…

Im Zeitalter des Streamings, der permanenten Verfügbarkeit, ist der sense of wonder, der vollkommenen Verzauberung, den ein zwölfjähriger Knabe empfand, als das Licht im Saal des Apollo-Kinos in Aschaffenburg ausging und eine donnernde Fanfare ertönte, nicht zu vermitteln. Für zwei Stunden klebte dieser Knabe am Sitz, keine Macht der Welt hätten ihn entfernen können, wenn die Schlacht um den Eisplaneten tobte, Han Solo durch das Asteroidenfeld raste, ein gnubbliger kleiner Gnom philosophische Weisheiten verbreitete und Luke am Ende gegen den düsteren Darth Vader antrat. Der Knabe war ich – hatte der Herr Vater den Besuch von Krieg der Sterne 1978 gerade noch abwehren können, mit dem aus heutiger Sicht klugen Verweis, der Film würde ausschließlich um Mitternacht gezeigt (was ich natürlich glaubte, auch wenn es mir seltsam vorkam), gab es 1980 kein Halten mehr, als „Das Imperium schlägt zurück“ am 11. Dezember 1980 in die Kinos kam, gehörte ich zu den Glücklichen, die dabei sein durften (ich danke bis heute).

Von vielen Freunden der Serie gilt Teil 2 (natürlich ist es Teil 2, jede andere Zählung ist moderner Unfug und daher abzulehnen) mit seinen spektakulären Szenen, düsterem Mittelteil und maximalem Cliffhanger („I am your father!“) als Meisterwerk der Reihe. In ihrer eigenen Fortsetzung der George-Lucas-Biographie mit dem launigen Titel „Episode 2“ (eben!) breiten Laurent Hopman und Renaud Roche detail- und kenntnisreich die turbulente Entstehungsgeschichte dieses Geniestreichs aus, die Lucas an den Rand des Wahnsinns und des Ruins trieb: angefangen mit dem schweren Autounfall von Mark Hamill im Januar 1977, dessen Gesicht chirurgisch rekonstruiert werden musste, was Lucas in die Handlung einbaute, indem Luke Skywalker gleich am Anfang von einem Eiswesen attackiert und nach seiner Rettung operiert wird, über die Inspirationen zum Drehbuch: die Figurenkonstellation mit dem Liebesdreieck Leia – Han – Luke ist bewusst an „Vom Winde verweht“ (Scarlett – Rhett Butler – Ashley) angelehnt, und in der Atmosphäre auf dem Eisplaneten inklusive der exotischen Reittiere liefert Lucas einmal mehr eine Hommage an Flash Gordon und dessen Abenteuer auf der Eiswelt Frigia.

Die legendären AT-ATs, die Kampfläufer des Imperiums, wurden aus einer Anzeige einer Stahlfirma für mögliche industrielle Anwendungen aus dem Jahr 1969 (!) übernommen, und Harrisons Ford Wunsch, der Charakter möge das Ende des Films nicht überleben, bog Lucas clever in den Cliffhanger um, in dem Han Solo eingefroren an den Kopfgeldjäger Boba Fett übergeben wird (dessen Kostüm eigentlich für die Sturmtruppen gedacht war, was sich aus Kostengründen nicht realisieren ließ, aber als Unikat doch im Film landete).

Die Dreharbeiten selbst gestalten sich ebenfalls turbulent, Carrie Fishers Tablettensucht wird so offenkundig, dass viele Szenen nachgedreht werden müssen, Irvin Kershner bringt Lucas zwar zur Weißglut, erschafft aber durch seine Ideen zahlreiche ikonische Szenen (so etwa improvisierte er mit Harrison Ford die legendäre, lakonisch-vielsagende Antwort auf Leias Bekenntnis „I love you“: „I know!“), Lucas ex-Firma Universal bedrängt ihn mit ihrem vertraglichen Anspruch auf einen zweiten Film (was Lucas dann doch komplett delegiert, weshalb „More American Graffiti“ dann auch zur Enttäuschung wird), und die Schauspieler plaudern immer wieder verbotenerweise Plot-Details aus, weshalb Lucas die ganz große Enthüllung nicht preisgibt (beim finalen Kampf Luke gegen Vader stand im Drehbuch noch die Zeile „I killed Obi Wan“ – damit auch die Schauspieler das Geheimnis nicht kannten, wurde der entscheidende Satz „I am your father“ erst im Studio nachsynchronisiert). Immer weiter verstärkt sich Lucas‘ Verwicklung ins Projekt, bis seine Belastung höher ist als je zuvor, auch wenn er dies vor Marcia lange zu verbergen weiß.

Hopman und Roche zeichnen diese Reise spannend wie einen Abenteuerfilm nach, in zentralen Szenen, die gerne großformatig erscheinen, wie etwa in Lucas Visionen der Skywalker Ranch, den second unit Sets in Norwegen oder dem endgültigen Triumphzug an der Kinokasse. Zeichnerisch orientiert sich die Graphic Novel dabei an einem leicht cartoonhaften Stil, der überwiegend in Schwarz-Weiß und teilweise monochrom koloriert die Figuren treffend charakterisiert. In einer wunderbaren Zwischenepisode bauen Hopman und Roche sogar noch die Entstehungsgeschichte von Indiana Jones ein, dessen Name ursprünglich Smith sein sollte (von Spielberg korrigiert, und natürlich nannten wir den Hund Indiana) und dessen Aussehen dem zerschlissenen Look von Humphrey Bogart im „Schatz der Sierra Madre“ nachempfunden ist.

Und auch die vielleicht größte Kuriosität aus dem Star Wars Universum darf nicht fehlen: als CBS 1978 Millionen für ein Star Wars Holiday Special bietet, hält Lucas sich getreu seinem anfänglichen Motto komplett heraus – das Ergebnis ist prompt ein absurder Murks über das Wookie-Weihnachtsfest mit einer singenden Leia, den Lucas so bald als möglich verschwinden lässt und das heute Kultstatus genießt. Der vorliegende Band bringt diese Episode im Hardcover auf 208 Seiten. Wir sind gespannt, ob es auch noch Episode 3 geben wird – zu wünschen wäre es, immerhin müssen die Jedi-Ritter noch zurückkehren. (hb)

George Lucas: Episode II
Text & Story: Laurent Hopman
Bilder: Renaud Roche
208 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
29,80 Euro

ISBN: 978-3-68950-091-7

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