
Paris 1952. Ulysse steht kurz vor dem Abitur. Intensives Lernen ist also angesagt, zumal seine anspruchsvollen Eltern erwarten, dass er nicht weniger als den besten Abschluss hinlegen wird. Denn Ulysse ist der Sohn des Industriellen Ducerf, der das größte Betonwerk Europas leitet. Natürlich soll er in die Fußstapfen seines Vaters treten. Sein Leben und sein Werdegang scheinen damit vorgezeichnet. Bis sein Vater als Nazi-Kollaborateur beschuldigt wird. Die Folge könnte die Verstaatlichung seines Unternehmens sein. Um seine Frau und Ulysse aus der Schusslinie zu bringen, schickt Vater Ducerf beide in die ländliche Bourgogne, wo sie unter falschem Namen unterkommen. Dort lernt Ulysse den Lebemann und ehemalige Star-Koch Cyrano kennen – eine Begegnung, die das Leben von beiden entscheidend verändern könnte…
Der Junge aus der Oberschicht, der streng erzogen wird (freilich weniger von seinen Eltern) – man siezt sich innerhalb der Familie, der Tagesablauf ist akribisch festgelegt. Der gute Ruf steht über allem, Gefühle zeigen ist tabu. Schnell merkt man, dass sich Ulysse hierbei nicht sonderlich wohl fühlt, zumal der Druck seiner Eltern hinsichtlich seines Schulabschlusses immens ist. Und dann ist da Cyrano, der beleibte Lebemann, der nicht nur einzigartig kocht, der auch sein Dasein in vollen Zügen genießt, auch wenn es einen dunklen Fleck in seiner Vergangenheit gibt, den wir gleich zu Beginn erfahren. Cyrano merkt schnell, dass Ulysse ein Talent für das Kochen entwickelt. Und Ulysse findet erstmals in seinem noch jungen Leben etwas, das er selbst will, für das er sich begeistern kann.
Karrieren, die so ganz anders verlaufen als (von anderen) geplant, verborgene Talente, die plötzlich entdeckt werden, solche Geschichten kennt man. Auch hier führt Ulysses neue Passion natürlich früher oder später unweigerlich zur Konfrontation mit seinen Eltern. Das Salz in der Suppe sind hier die Zutaten: Der steife Umgang innerhalb der Familie des Geldadels steht gegen die Herzlichkeit eines Meisterkochs, der seine Speisen auch gerne mit Lebensweisheiten garniert, die irgendwie einleuchten. Dazu etwas Coming of Age – Ulysse entdeckt mit seinem Talent auch seine eigene Persönlichkeit. Und wir tauchen ein in die opulente Kulinarik von Cyrano, der diverse, teils auch kurios klingende Gerichte kredenzt, von der einfachen Bratwurst mit Püree zu gefüllten Drosseln mit Trüffelstopfleber.
Autor Xavier Dorison („Undertaker“, „Schloss der Tiere“, „Long John Silver“, u.v.a), der die Geschichte gemeinsam mit Antoine Cristeau schrieb, lässt sich bei der Ausgestaltung und der Charakterisierung der Personen viel Zeit, wobei etwaige Lese-Langeweile geschickt umschifft wird. Zuerst begleiten wir Ulysse bei seinem Alltag, seinen verzweifelten Lern-Bemühungen. Dann trifft er Cyrano und entdeckt nicht nur sein Talent, seine Passion, sondern auch die Welt. Und wenn auch vorerst „nur“ in Gestalt von Marie, der Tochter der Wirtin des örtlichen Gasthofs. Der Schlussakt mit dem Finale ist dann wunderbar versöhnlich geschrieben.
Gezeichnet wurde der Band von Stéphane Servain, den wir in erster Linie durch seine Splitter-Serie „Holly Ann“ kennen („Warrens Schwur“, bereits ab 1997 bei Carlsen erschienen, ist eine weitere Serie von ihm). Sein Stil ist realistisch, aber nicht super genau und geht auch ins Skizzenartige, wobei der mächtige Erscheinung von Cyrano und der eher schmächtige Ulysse stets ausdrucksstark getroffen sind. Servain nutzt hier die gleiche Farbpalette wie bei Holly Ann. So dominieren auch hier beige und erdfarbene Töne. Ein wunderbarer Band aus der edlen franko-belgischen Comic-Küche. Drei Rezepte zum Nachkochen (weder die Bratwurst noch die gefüllten Drosseln) finden sich dann noch im Anhang. Wir wünschen guten Appetit. (bw)
Ulysse & Cyrano
Text & Story: Xavier Dorison, Antoine Cristau
Bilder: Stéphane Servain
176 Seiten in Farbe, Hardcover
Splitter Verlag
35 Euro
ISBN: 978-3-68950-128-0