
Vereinigte Staaten, 1882: auf einer umjubelten Vortragsreise berichtet der Redner Oscar Wilde seinen Gastgebern seine Herkunft. Von Kindesbeinen an ist er geprägt von einem Umfeld voller Kunst und Literatur, seine Mutter Jane schreibt unter der Namen Speranza Gedichte und hält regelmäßig literarische Zirkel ab. Sein Literaturstudium an der Elite-Universität Oxford (von der man in der unweit gelegenen ähnlichen Einrichtung Cambridge stets leicht verächtlich nur als „the other place“ spricht) absolviert er mit Bestnote, auch wenn er sich durch sein extravagantes, buntes Auftreten und die messerscharf-pointierten, gerne provokanten Bonmots nicht nur Freunde macht. 1881 lernt er Constance Mary Lloyd kennen, verliebt sich Hals über Kopf und heiratet die Dame flugs. Aus der Ehe entspringen die Kinder Cyril und Vyvyan, für die Wilde Märchen erfindet, die auch seine ersten literarischen Erfolge werden sollen.
Der Romanerstling „The Picture of Dorian Gray“ gerät 1890 bei den Kritikern unter die Räder, allzu dekadent erscheint dieses Abbild des fin de siècle in seiner Morbidität, dem Credo einer über jeder Moral stehenden Schönheit und nicht zuletzt der kaum kaschierten homoerotischen Konnotationen. Die pflegt Wilde auch privat, Robert Ross tritt als erster Geliebter in sein Leben und bleibt ihm bis zum Lebensende verbunden. Wilde gefällt sich als Bohemièn, der sich selbst wie ein Kunstwerk inszeniert, farbige Strümpfe inklusive. Er wendet sich dem Theater zu und zieht einige seiner frühesten Entwürfe hervor. Nach anfänglichen Rückschlägen (so skandalös wirkt „Salomé“, dass das Stück von 1890 in nur außerhalb von England aufgeführt werden kann) wird er mit seinen eleganten, satirischen Gesellschaftskomödien „Lady Windermere’s Fan“, „A Woman of No Importance“, „An Ideal Husband“ und vor allem seinem Geniestreich, dem schwebenden, ballettartigen Verwirrspiel „The Importance Of Being Earnest“ in den frühen 90er Jahren des 19. Jahrhunderts zum gefeierten Star.
Zeitgleich holt Wilde die Bigotterie seines Zeitalters ein: sein Verhältnis zum jüngeren Sir Alfred Douglas, genannt Bosie, erzürnt dessen Vater, den Marquis of Queensberry, derartig, dass er Wilde in dessen Club aufsucht, ihn jedoch nicht antrifft und eine Visitenkarte mit dem Vorwurf hinterlässt, Wilde sei ein „Sodomit“. Das will der Ästhet nicht auf sich sitzen lassen und verklagt Queensberry im April 1895 wegen Rufschädigung, was gehörig schiefgeht: der Prozess kippt rasch in eine Abrechnung mit Wilde, gegen den zahlreiche angebliche und vermutlich auch gekaufte „Zeugen“ aussagen. Wilde wird zu zwei Jahren Haft und Zwangsarbeit verurteilt, was nicht nur seine Karriere jäh beendet, sondern auch seine Familie und letztendlich auch sein Leben zerstört.
Stilikone, Inkarnation des Dandy, kluger Gelehrter, scharfzüngiger Kritiker, gewiefter Essayist, brillanter Redner, Lyriker, Romancier, meisterhafter Dramatiker und vor allem Herr des Bonmots: auf Oscar Fingal O’Flaherty Wills Wilde (noch genauer brauchen wir‘s nicht) trifft all das zu. Kaum jemand verkörpert derartig den Geist des „l’art pour l’art“, der Bewegung, die im Gefolge von Walter Pater und John Ruskin in der Kunst das Ideal der Schönheit suchte, was als Gegenpol zu den didaktisch-erzieherischen Ansätzen des irischen Zeitgenossen George Bernard Shaw stand, der mit grimmem Rauschebart proklamierte „The theatre is my pulpit!“ und mit seinem Diskussionsdramen wie „Arms and the Man“ oder „Mrs. Warren’s Profession“ versuchte, das Publikum moralisch und politisch (natürlich standesgemäß sozialistisch) zu erziehen (dass Shaw den erfolgreichen Wilde stets als künstlerisch unfähig abtat, kann kaum überraschen).

Wilde verschrieb sich ganz im Gegenteil der Ästhetik und der Dekadenz, die nach dem Motto „All art is quite useless“ (zu finden im Vorwort zu „Dorian Grey“) das Primat der Schönheit proklamierte und wie die Wiener fin de siècle-Kreise um Hugo von Hofmannsthal den Genuss über alles stellte: „Give in to temptation. You never know when it will come again“, so fasste Wilde es in einem seiner berühmtesten Bonmots. Seinen überragenden sozialen Status provozierte das spätviktorianische Zeitalter in einer Art, die einige Jahre später jenseits des Atlantiks nur noch einem F. Scott Fitzgerald gelang, der als ikonischer Dandy die Roaring Twenties beherrschte, um dann ebenso jäh zu stürzen wie Wilde vor ihm.
In seiner biographischen Darstellung ruft Tommaso Vitiello schlaglichthaft Episoden aus Wildes Leben ebenso auf wie den Erfolg seiner Werke, die einzelnen Kapitel ergeben eine lose chronologische Reihenfolge („Der Ästhet“, „Der Dramaturg“, „Der Liebhaber“), die das Spannungsfeld zwischen künstlerischem Erfolg und sozialer Anfeindung meisterhaft entfaltet; „Ihr sorgt Euch zu sehr um Kritiker, statt zu sehen, was jene um Euch herum denken“, so mahnt ihn sein Gefährte Robert Ross, „Ein Mann wie Ihr ist nicht nur, was er schreibt. Für dieses sensationsgierige Publikum seid Ihr ein Künstler, weil Euer Leben selbst Kunst geworden ist.“ So wird die soziale Ächtung der Homosexualität denn auch zu Wildes Niedergang: die beiden Jahre im Reading Gaol, die Vitiello nicht ausspart, zerrütten ihn mit Einzelhaft, Misshandlung und fast alltäglichen Hinrichtungen geistig und körperlich, was er in der „Ballad of Reading Gaol“ 1898 kurz vor seinem Tod eindringlich schilderte.
Dies spiegelt sich bisweilen auch in der optischen Gestaltung durch Licia Cascione, die sich überwiegend eng am cartoonhaften Stil entlanghangelt: die einzelnen Kapitel beginnen jeweils mit der Darstellung einer Blume, die immer mehr aufblüht, nur um dann im letzten Abschnitt im Hof des Zuchthauses buchstäblich zertreten wird. Auch Angstzustände Wildes erleben wir symbolisch überhöht, und die berühmten jugendstilhaften, expliziten Illustrationen der verbotenen „Salomé“ aus der Hand von Aubrey Beardsley erstrahlen in authentischem Glanz. Somit ein wunderbarer Streifzug durch Leben und Werk eines Genies, das den Konventionen seiner Zeit trotzte und ihnen letztlich zum Opfer fiel. Bei Knesebeck erscheint der Band im Hardcover auf 128 Seiten und lädt dazu ein, wieder einmal amüsiert zu verfolgen, wie Bunbury feststellt, dass Ernst sein eben alles ist. (bw)
Oscar Wilde – Die Comic-Biografie
Text: Tommaso Vitiello
Bilder: Licia Cascione
128 Seiten in Farbe, Hardcover
Knesebeck Verlag
25 Euro
ISBN: 978-3-98962-020-9