H.P. Lovecrafts „Der leuchtende Trapezoeder“ (Carlsen) | Comicleser

H.P. Lovecrafts „Der leuchtende Trapezoeder“ (Carlsen)

März 17, 2021
H.P. Lovecrafts „Der leuchtende Trapezoeder“ (Carlsen Verlag)

Mausetot und mit entstelltem Gesicht sitzt der Maler und Schriftsteller Robert Blake in seiner Wohnung. Wie ist er zu Tode gekommen? In den Aufzeichnungen, die bei ihm gefunden werden, schildert er seine letzten Tage. Aber kann man diesen phantastischen Berichten Glauben schenken? Demzufolge erblickt Blake während einer äußerst kreativen Phase in der Ferne eine alte Kirche, die offenbar verlassen ist. Fortan zieht ihn das finstere Gemäuer, das von den Bürgern der Stadt Providence gemieden wird, beinahe magisch an. Schließlich beschließt er die Kirche zu erkunden, gegen den Rat der Leute, denn eine Sekte soll dort einst eine schreckliche Gottheit beschworen haben. Im Kirchturm entdeckt Blake die skelettierte Leiche eines Reporters, die dort offenbar schon seit Jahrzehnten liegt. Und einen kristallinen, leuchtenden Stein, dessen Zentrum Blake Visionen einer fremdartigen Welt samt abseitiger Geschöpfe offenbart. Und eines davon könnte er nun geweckt haben…

„Der leuchtende Trapezoeder“ (im Original weniger kurios „The Haunter of the Dark“ genannt und auch unter dem Titel „Jäger der Finsternis“ bekannt) ist die letzte abgeschlossene Geschichte, die Kult-Gruseler H.P. Lovecraft vor seinem frühen Tod im Jahr 1937 schrieb. Sie erschien 1936 in dem Pulp-Magazin „Weird Tales“ und ist dem späteren Psycho Drehbuchautor Robert Bloch gewidmet (daher auch die Namensähnlichkeit mit der Hauptfigur). 1917 bereits, in seiner Frühphase, verfasste Lovecraft die Kurzgeschichte „Dagon“, die quasi zum Aufwärmen mit ihren 32 Seiten den Band einleitet. Darin gelangt ein schiffbrüchiger Seemann auf eine unbekannte, unwirtliche, karg-glitschige Landmasse voller seltsamer toter Geschöpfe – ein früher Anklang Lovecrafts an seinen später voll entwickelten und ausgebauten Cthulhu-Mythos. Schon hier geht der Mensch letztlich an dem erlebten Schrecken, den er weder fassen noch begreifen kann, der von ihm aber Besitz ergreift, zugrunde.

Auch Robert Blake verspürt eine seltsame Faszination, fühlt sich unerklärlicherweise von der düsteren Kirche angezogen, deren Rolle als Zuflucht, als Ort des Friedens hier ins Gegenteil verkehrt ist. Etwas scheint hier zu hausen, etwas schreckliches, abstrakt monströses, weshalb die Kirche, obwohl sie mitten in der Stadt steht, von allen geflissentlich gemieden wird. Man spricht auch nicht darüber. Blake bricht dieses Tabu, garniert mit den üblichen Lovecraft Zutaten (das Unheil zieht zielstrebig und unaufhaltsam auf, inkl. massivem Gestank) und entfesselt damit eine nicht fassbare Urgewalt, die ihn den höchsten Preis zahlen lässt. Nach dem Zweiteiler „Berge des Wahnsinns“ („At the Mountains of Madness“) adaptiert Mangaka Gou Tanabe fröhlich weiter Lovecraft-Stories (weitere werden folgen) und bleibt dabei seinem Zeichenstil treu. Der klare, bestimmte und zugleich filigran-detaillierte Strich lässt die Panels kraftvoll und unheimlich düster zugleich erscheinen. Bei der Darstellung diverser Absonderlichkeiten lässt Gou Tanabe seine Fantasie spielen, ohne jedoch zu viel an Monstrosität zu offenbaren. Damit bleibt dem Grauen genug Raum, um sich in der Vorstellung des Lesers ungeniert auszubreiten. (bw)

H.P. Lovecrafts „Der leuchtende Trapezoeder“
Text & Bilder: Gou Tanabe
168 Seiten, Softcover
Carlsen Verlag
12 Euro

ISBN: 978-3-551-72829-6

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