Lucky Luke, Band 103 (Egmont) | Comicleser

Lucky Luke, Band 103 (Egmont)

November 6, 2026

Heiliger Strohsack: da will der einsame Kuhjunge einfach mal nur ordentlich übernachten, aber im kleinen Nest Faith geht das gehörig schief. Der örtliche Reverend Damien Watine – ein ehemaliger Bankräuber, angeblich geläutert – hat für seine durchaus dubiose Kirche jede Menge Spenden eingesammelt, die ihm zwei Lumpensöhne abjagen wollen. Als Lucky die Strauchdiebe in die Flucht schlägt, wittert der zwielichtige Prediger seine Chance: die Heldentat kann man doch prima instrumentalisieren, mit Lucky als Heilsbringer und einer neuen Religion, dem Lukismus, ließe sich doch mühelos Geld scheffeln. Das alles gefällt unserem Lucky gar nicht, der sich eilends ins benachbarte Belief Junction absetzt.

Dort geht der Ärger aber postwendend weiter: der umtriebige Colson Creed will die Pawnees von ihrem Land vertreiben und heckt dabei den Plan aus, die Ureinwohner gezielt mit Pocken zu infizieren. Dabei kommt ihm durchaus zustatten, dass eine apokalyptische Heuschreckenplage erst Faith heimsucht und dann auf Belief zusteuert: Lucky greift wieder ein und erledigt das Kroppzeug per Sprengung noch in der Luft. Jetzt springt auch Carlson auf den Religions-Zug auf, ruft den „Neo-Lukismus“ aus und steigt ins Geschäft ein. Lucky nimmt wieder Reißaus vor dem allgegenwärtigen Irrsinn, aber sein Ruf als großer Heiler ist bis zu den Pawnee vorgedrungen: angesichts der grassierenden Pockeninfektion entführen sie den „weißen Medizinmann“, der schnell erkennt, dass niemand anders als Coulson hinter der Epidemie steckt…

Nach wie vor heißt es in diesem Jahr: 80 Jahre Lucky Luke! Neben den mittlerweile zahlreichen Hommage-Bänden läuft quasi als Geburtstagsfeier natürlich auch die reguläre Serie weiter, in der deutschen Zählung mit der Nummer 103. Die mittlerweile gut im Sattel sitzenden Macher Achdé und Jul richten dieses Mal das Augenmerk auf eine zutiefst amerikanische Eigenschaft: „Religiöser Wahn ist die schlimmste aller Epidemien!“, stellt Lucky gegen Ende fest und liefert die Erklärung gleich mit: die Einwandererschaft rekrutierte sich nicht zuletzt aus verfolgten Religionsgemeinschaften, die der neuen Heimat einen bunten Blumenstrauß von möglichen Glaubensrichtungen verlieh. Dass das Ganze durchaus kommerzialisiert abläuft, kennt man nur allzu gut von den zahllosen dubiosen Fernsehpredigern, die ihrer Kundschaft gegen umfassende Heilsversprechen das Geld aus der Tasche ziehen.

Diesen Themenkomplex spielt Jul in seinem Szenario durchaus wirkungsvoll, mit Reliquienhandel (selbst Luckys Badewasser wird verkauft), Heiligenkult (St. Buffalo Bill, St. Calamity Jane, alle sind am Start, selbst Averell Dalton kommt als „Schutzpatron der geistig Armen“ zum Zuge) und sogar wirren Vertretern wie einem Flacherdler, der Lucky warnt, da hinten am Horizont ende die Welt. In der Heuschreckenplage baut Jul dabei nicht nur einen Verweis auf 1874 ein, das als „Jahr der Heuschrecken“ in die amerikanische Geschichte einging, sondern ruft natürlich auch eine der biblischen sieben Plagen auf, mit denen sich die bösen Ägypter herumschlagen mussten.

Dazu gesellt sich dann eine etwas aus der Zeit gefallene Parodie auf die Corona-Maßnahmen: der Pocken-Ausbruch erfordert Quarantäne, man erlässt eine „Halstuchpflicht“, die Indianer laufen in Holzmasken umher, und Lucky wundert sich über die Regellandschaft: „Sie dürfen eine Meile um ihre Heimat herum spazieren gehen! – Aber ich bin doch fern meiner Heimat?“ Dieser Seitenhieb auf eine dankenswerterweise verflossene Zeit steht weitgehend unverbunden neben der Religionssatire und will sich nicht recht ins Gesamt-Geschehen einfügen. Deutlich spaßiger sind da schon die Amish, die in wunderbarem Pennsylvania Dutch (der Zungenschlag aus der Pfälzer Heimat, den man sich bis heute erhalten hat) erklären, dass sie von dem ganzen Unfug nichts mitbekommen, weil sie nicht am Telegraf hängen – „übers Netz“ komme doch eh nur jede Menge Unfug, was bis heute nichts an Wahrheit verloren hat.

Wunderbar spielt Jul auch mit den Konventionen des Lucky Luke-Universums: als man auch ein Wunder darin sehen möchte, dass Lucky schneller zieht als sein Schatten, wiegelt er ab: „Das sagt man doch nur so“, den Auftakt macht die Sequenz, die eigentlich für das Ende jeder Geschichte reserviert ist (der Cowboy, der sein Liedchen trällernd in den Sonnenuntergang reitet), Jolly Jumper erweist als klug und wortreich – die Daltons, Rantanplan und auch die berühmte Zigarette im Mundwinkel bleiben jedoch in diesem Band außen vor.

Dass Achdé mit großer Feinfühligkeit den Stil eines Morris trifft, ist nichts Neues und zeigt sich auch hier wieder fulminant – auch in einer kleinen Alptraumszene (Lucky beim Rodeo auf einer Heuschrecke), die wir ja auch schon im Hommage-Band 8 mit den Gebrüdern Grimm bestaunen konnten. Der einsame Kuhjunge reitet auch hier am Ende – wieder – in den Sonnenuntergang, und man darf sich auf weitere Abenteuer freuen. Der Band erscheint wie immer im Softcover und wahlweise auch als Hardcover-Version. (hb)

Lucky Luke, Band 103: Heiliger Lucky!
Text & Story: Jul
Bilder: Achdé
48 Seiten in Farbe, Soft- & Hardcover
Egmont Comic Collection
8,99 Euro (Softcover)
15 Euro (Hardcover)

ISBN: 978-3-7704-1210-5

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