
Once upon a time in the West, Es war einmal im Wilden Westen, möchte man fast sagen: zwei Greenhorns aus Deutschland namens Jacob und Wilhelm Grimm kommen auf dem Bahnhof an. Ihr Ziel: eine Lesereise mit ihrer Sammlung deutscher Volksmärchen. Das Ganze ist eine rechte Fehlplanung, man steigt viel zu früh aus, und so bietet sich Lucky Luke an, die beiden per Rent a Carriage in die nächste Stadt zu bringen. Die Auftritte in den Saloons (die die Grimms eigentlich eher als Salons vermutet hatten) geraten allerdings zum Fiasko: die Zuhörer fliehen in Scharen. Da verfallen die Grimms auf die Idee, dass es ja vielleicht am Lokalkolorit liegt, suchen wie in der Heimat eine alte Dame, die ihren Kindern mündlich überlieferte Geschichten erzählt – und landen bei niemand anderem als Ma Dalton, die ihre Chance wittert.
Ihre Mär von den vier aufrechten Brüdern, die sogar den Halunken Lucky Luke umlegen, avanciert zum Publikumsrenner. Als Onkel Marcel den vier Daltons von ihrem neuen, guten Ruf berichtet, platzt dem Choleriker Joe der Kragen: das kann nicht angehen, man will doch vielmehr als die schlimmsten und fürchterlichsten Verbrecher des Westens bekannt werden. Kurzerhand entführen die Daltons die Grimms, was sich im Lager der Lumpensöhne schnell herumspricht. Alsbald bevölkern alle Halunken des Westens, von Billy the Kid bis zu Jesse James, die Scheune der Daltons, um sich von den Grimms einen schrecklichen Ruf andichten zu lassen. Gut, dass der einsame Cowboy noch da ist, um einzugreifen…
Ein weiterer Band aus dem Reigen der Lucky Luke-Hommagen, in denen das deutsche Team Flix und Reinhard Kleist wieder einen ganz neuen Blick auf die Morris-Figur werfen. Flix, der sich seine Hommage-Sporen ja schon mit Versionen der franko-belgischen Ikonen Spirou und dem Marsupilami verdient hat, brennt hier ein Gag-Feuerwerk ab, das einem klassischen Asterix-Band zur Ehre gereichen würde. Die Grimms sind typische Greenhorns, die ihre korrekte deutsche Art standhaft auf den Westen zu übertragen suchen (bevor man irgendetwas macht, muss es Abendbrot geben) und permanent betonen, dass sie keinerlei Märchen geschrieben haben, sondern lediglich sammeln – „wir sind ja nicht Hans Christian Andersen!“, so der Running Gag, der am Ende fein aufgenommen wird, als Jacob Grimm zum Entsetzen seines Bruders doch tatsächlich beginnt, die „Geschichte eines einsamen Kuhjungen“ aufzuschreiben, „der sehr weit weg von zu Hause“ ist.
Dazu werden jede Menge Grimmsche Märchen-Motive gestreut: so etwa beginnt Jolly Jumper nach einem Sturz sich in verschiedensten Tiersprachen zu äußern, was ein Arzt in New Bremen als „Stadtmusikantitis“ diagnostiziert, die im grande finale dazu führt, dass Luckys Ross wie weiland die Stadtmusikantin die Lumpensöhne vertreiben kann. Ein Grimm empfiehlt Lucky, sich für den Rückweg eine Spur aus Steinchen zu legen, „nicht aus Brotkrumen“ (das ging ja schon für Hänsel und Gretel schief). Die Märchenmotivik steht auch im Mittelpunkt einer zentralen Alptraumsequenz, in der ein delirierender Lucky eine Melange aller Grimm-Geschichten durchlebt, von Rotkäppchen über Hänsel und Gretel bis hin zum Schneewittchen, als er umringt von den hüpfenden Dalton-Zwergen im Glassarg liegt, der auch schon Fritz Lang in Metropolis und Walt Disney in seinem „Snow White“ inspirierte.

In dieser in durchgängigen Mitternachtsblau gehaltenen Episode zeigt sich auch der gestalterische Anspruch des Graphic Novel-Biographie-Königs Reinhard Kleist, der nach eigenen Worten die expressive Farbgebung der frühen Morris-Alben aufleben lassen wollte (was an vielen anderen Stellen auch aufblitzt, wie etwa in pastellfarbigen Prärie-Ansichten). Ebenso darf natürlich die reichhaltige Lucky Luke-Historie nicht fehlen, die teilweise originalgetreu, teilweise ganz Hommage-artig neu interpretiert wird: in einem Panel schießt Lucky schon auf Verfolger, während sein Schatten sich noch am Wagen festhält; Joe Dalton hat einen Wutanfall nach dem anderen, der große Averell ist der Trottel, der alle Pläne verrät (aber dann alle überrascht, als er berichtigt: „Das ist nicht Legasthenie, das nennt man Dyslexie!“); Rantanplan glänzt wie immer so dumm wie Bohnenstroh; und getreu der letzten Verbeugungen stellt Lucky fest „ich rauche nicht mehr“, und in der Figur des Schweizer Onkels Marcel gibt es kleinen Querverweis zu Ralf Königs Hommage „Zarter Schmelz“.
Aber auch einen modernen Seitenhieb ganz im Geiste der Tagespolitik eines Asterix erlaubt sich Flix: als die Daltons von den Grimms zum Einkaufen (inkl. Abendbrot, so viel Ordnung muss sein) geschickt werden, gehen sie mehrfach zum einem glatzerten Händler, der unter der Bezeichnung „Alleskauf J. Bezos“ firmiert. Und auch ein wenig satirische Political Correctness darf sein: als Lucky sich mokiert „Deutsche! Achtung! Achtung! Abendbrot muss sein!“, weist ihn Häuptling Gestiefelte Katze zurecht: „Es ist nicht lustig, sich über Stereotype lustig zu machen!“ Also, wie fassen wir gerne zusammen: wieder ein mehr als gelungener Hommage-Band, in der zwei deutsche Künstler sehr originell die franko-belgische Kunst, Wildwest-Mythen und deutsche Kultur vermengen. Und, ach ja: die Grimmschen Märchen waren auch in Deutschland ein Flop – bis sie Grimm-Bruder Ludwig Emil mit seinen Illustrationen verschönerte. Bilder helfen eben immer. Der Band erscheint wie immer nicht nur als Softcover, sondern auch als Hardcover sowie – siehe Cover links – als Vorzugsausgabe mit signiertem Print und ausführlichem Bonusmaterial. (hb)
Lucky Luke Hommage, Band 8: Die Grimm Brothers
Text & Story: Flix
Bilder: Reinhard Kleist
48 Seiten in Farbe, Hardcover
Egmont Comic Collection
17 Euro
9,99 Euro (Softcover, Kiosk-Ausgabe)
ISBN: 978-3-7704-1184-9